Klartext

Wenn der angeblich freie Markt nach staatlichen Garantien ruft

Analyse

Power Purchase Agreements wurden über Jahre als Musterbeispiel einer funktionierenden Marktintegration erneuerbarer Energien präsentiert. Das Argument lautete stets, dass Wind- und Solarparks zunehmend ohne klassische EEG-Förderung errichtet werden könnten, wenn Erzeuger und Industrie langfristige Stromlieferverträge abschließen. Dieses Narrativ spielte eine wichtige Rolle in der politischen Debatte. Es sollte zeigen, dass sich der Ausbau erneuerbarer Energien schrittweise aus der staatlichen Förderung lösen könne.

Die aktuelle Diskussion offenbart jedoch eine andere Realität. Die Branche sieht sich nicht nur durch die geplante EEG-Reform und die Neugestaltung der Netzentgelte unter Druck. Sie fordert inzwischen selbst zusätzliche staatliche Absicherungen für PPAs. Damit wird ein grundlegender Zielkonflikt sichtbar. Ein Marktinstrument, das seine Stärke gerade aus der Unabhängigkeit von staatlicher Förderung beziehen sollte, soll nun wiederum durch staatliche Garantieinstrumente stabilisiert werden. Aus Sicht der Mittelstandsvereinigung Energie für Deutschland e. V. ist diese Entwicklung weniger überraschend, als sie auf den ersten Blick erscheint. PPAs bewegen sich keineswegs in einem freien Markt. Sie sind eingebettet in ein Stromsystem, das durch das EEG, umfangreiche Netzentgeltregulierung, Redispatch, Einspeisevorrang, staatliche Ausschreibungen und zahlreiche weitere Eingriffe geprägt ist. Solange sich diese Rahmenbedingungen fortlaufend verändern, steigen zwangsläufig auch die Risiken langfristiger Lieferverträge.

Die Warnung der Marktoffensive verweist deshalb auf ein strukturelles Problem der deutschen Energiepolitik. Investitionssicherheit entsteht nicht durch immer neue Förderinstrumente oder Garantieprogramme. Sie entsteht durch dauerhaft stabile regulatorische Rahmenbedingungen. Wer Investitionen über Laufzeiten von fünfzehn oder zwanzig Jahren anstoßen will, muss Unternehmen die Sicherheit geben, dass sich die wirtschaftlichen Grundlagen nicht im Rhythmus politischer Reformen verändern.

Für den industriellen Mittelstand kommt ein weiterer Aspekt hinzu. Ein PPA sichert lediglich den Energiepreis zwischen Erzeuger und Abnehmer ab. Die eigentlichen Kostentreiber der vergangenen Jahre – steigende Netzentgelte, Systemkosten, Umlagen und regulatorische Belastungen – bleiben hiervon weitgehend unberührt. Selbst ein günstiger Stromliefervertrag schützt Unternehmen daher nicht vor einer insgesamt steigenden Stromkostenbelastung.

Die aktuelle Debatte bestätigt damit ein Muster, das sich durch zahlreiche energiepolitische Entscheidungen der vergangenen Jahre zieht. Immer neue regulatorische Eingriffe sollen Marktmechanismen stärken, erzeugen jedoch gleichzeitig neue Unsicherheiten, die anschließend wiederum durch zusätzliche staatliche Instrumente kompensiert werden sollen. Aus marktwirtschaftlicher Sicht entsteht so ein Kreislauf wachsender Regulierung, der private Investitionen eher erschwert als erleichtert.

Die MVE bewertet die aktuelle Diskussion deshalb differenziert. Die Kritik der PPA-Branche an regulatorischer Unsicherheit ist nachvollziehbar und verweist auf reale Investitionshemmnisse. Gleichzeitig zeigt die Forderung nach staatlichen Garantieinstrumenten, dass der Markt für erneuerbare Energien weiterhin in erheblichem Maße von politischen Rahmenbedingungen abhängt. Ein Energiesystem, das dauerhaft zusätzliche Garantien benötigt, um marktwirtschaftliche Verträge zu ermöglichen, ist nur eingeschränkt marktwirtschaftlich organisiert.

Die eigentliche Lehre aus der aktuellen Debatte lautet daher nicht, weitere Förder- oder Garantieinstrumente einzuführen. Erforderlich ist vielmehr eine Energiepolitik, die regulatorische Stabilität, Versorgungssicherheit und wirtschaftliche Tragfähigkeit wieder in den Mittelpunkt stellt. Erst wenn Unternehmen langfristig auf verlässliche Rahmenbedingungen vertrauen können, werden marktwirtschaftliche Instrumente ihre eigentliche Stärke entfalten – ganz ohne den Ruf nach immer neuen staatlichen Absicherungen.