Es gibt Zahlen, bei denen sich eine Volkswirtschaft nicht mehr mit Durchhalteparolen beruhigen sollte. Rund 188.000 Unternehmen haben 2025 in Deutschland ihre Geschäftstätigkeit eingestellt. Zehn Prozent mehr als im Vorjahr, so viele wie seit fast zwei Jahrzehnten nicht mehr. Man könnte das als Nachwirkung schwacher Konjunktur, demografischer Veränderungen oder normalen Strukturwandel verbuchen. Das wäre bequem. Und es würde am eigentlichen Problem vorbeigehen.
Denn bemerkenswert ist nicht allein, wie viele Unternehmen verschwinden, sondern welche. Die Bonität der geschlossenen Betriebe war zuletzt im Durchschnitt besser als in früheren Jahren. Lediglich rund 13 Prozent der Schließungen standen im Zusammenhang mit einem Insolvenzverfahren. Deutschland verliert also keineswegs nur jene Unternehmen, deren Geschäftsmodell im Wettbewerb endgültig gescheitert ist. Es verschwinden auch Betriebe, die wirtschaftlich durchaus noch lebensfähig erscheinen.
Das ist ein fundamentaler Unterschied. Eine Marktwirtschaft muss das Scheitern von Unternehmen aushalten. Sie lebt davon, dass Kapital und Arbeitskräfte aus unproduktiven Geschäftsmodellen in bessere Verwendungen wandern. Wenn aber grundsätzlich gesunde Betriebe aufgegeben werden, weil Eigentümer keinen Nachfolger finden, Investitionen nicht mehr attraktiv erscheinen oder Unternehmer zu dem Ergebnis gelangen, dass Risiko und Ertrag in Deutschland in keinem vernünftigen Verhältnis mehr stehen, verliert das Land nicht Marktversager. Es verliert wirtschaftliche Substanz.
Natürlich lässt sich nicht jede der 188.000 Schließungen der Politik anlasten. Wer das behauptet, macht es sich genauso einfach wie diejenigen, die hinter jeder Betriebsschließung lediglich demografischen Wandel vermuten. Unternehmer hören aus sehr unterschiedlichen Gründen auf. Aber gerade deshalb muss die entscheidende Frage lauten, welche Bedingungen Deutschland geschaffen hat, unter denen sich ein potenzieller Nachfolger heute entscheiden soll, Kapital, Zeit und persönliches Risiko in einen mittelständischen Betrieb zu investieren.
Die Antwort fällt zunehmend ernüchternd aus.
Hohe Arbeitskosten treffen auf Bürokratie und regulatorische Unsicherheit. Internationaler Wettbewerbsdruck trifft auf einen Standort, dessen Unternehmen einen erheblichen Teil ihrer Kraft dafür aufwenden müssen, politische Sonderwege wirtschaftlich zu verkraften. Und über allem steht für die Industrie ein Problem, das seit Jahren bekannt ist und trotzdem behandelt wird, als könne man es mit Förderprogrammen, Subventionen und neuen politischen Versprechen aus der Welt schaffen: Energie ist in Deutschland für viele Unternehmen zu teuer.
Das ist längst keine Behauptung eines Wirtschaftsverbandes mehr. Rund zwei Drittel der Industrieunternehmen sehen ihre Wettbewerbsfähigkeit durch hohe Energiepreise beeinträchtigt. Mehr als ein Drittel verschiebt deswegen Investitionen in die eigenen Kernprozesse. Rund 40 Prozent der Industrieunternehmen beschäftigen sich mit der Verlagerung von Investitionen oder Produktionskapazitäten ins Ausland, haben sie bereits begonnen oder vollzogen. Bei großen Industrieunternehmen liegt der Anteil noch deutlich höher.
Was muss eigentlich noch passieren, bevor Energiepolitik in Deutschland wieder als Standortpolitik verstanden wird?
Ein Unternehmen verlagert seine Produktion nicht aus Protest. Ein Unternehmer verzichtet nicht aus schlechter Laune auf eine Investition. Und ein Familienunternehmer schließt einen über Jahrzehnte aufgebauten Betrieb nicht, weil ihm plötzlich die Freude am Unternehmertum vergangen ist. Solche Entscheidungen fallen, wenn die wirtschaftliche Rechnung nicht mehr stimmt oder wenn die Aussicht fehlt, dass sie in absehbarer Zukunft wieder stimmen könnte.
Gerade beim Thema Unternehmensnachfolge zeigt sich deshalb, wie oberflächlich manche politische Erklärung ist. Ja, Deutschland altert. Ja, viele Unternehmer erreichen das Ruhestandsalter. Und ja, nicht für jeden Betrieb findet sich ein Nachfolger. Aber damit beginnt die Analyse erst. Denn ein attraktives, profitables Unternehmen in einem verlässlichen wirtschaftlichen Umfeld besitzt einen Wert. Wo ein Betrieb keinen Nachfolger findet, obwohl Substanz, Kunden und Know-how vorhanden sind, muss deshalb auch gefragt werden, warum niemand bereit ist, das unternehmerische Risiko zu übernehmen.
Der Standort selbst steht zur Abstimmung.
Jeder potenzielle Nachfolger entscheidet mit seinem eigenen Kapital darüber, ob er an Deutschland glaubt. Jeder Investor tut dasselbe. Und jeder Unternehmer, der eine neue Produktionslinie lieber im Ausland errichtet, gibt eine Antwort, die ehrlicher ist als jede Sonntagsrede über Wettbewerbsfähigkeit.
Besonders alarmierend ist deshalb der Blick auf die Industrie. Mehr als 11.000 Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbes schlossen 2025. Im Fahrzeugbau stieg die Zahl der Schließungen um 57 Prozent. Das sind keine abstrakten Transformationskurven. Hinter diesen Unternehmen stehen Produktionsanlagen, Lieferketten, Fachwissen, Ausbildungsplätze, Gewerbesteuereinnahmen und oftmals jahrzehntelang gewachsene regionale Wirtschaftsstrukturen.
Ist diese Substanz einmal verschwunden, lässt sie sich nicht mit einem Förderbescheid zurückholen.
Deutschland hat sich zu lange eingeredet, industrielle Wertschöpfung könne politisch beliebig umgebaut werden. Man könne Energie verteuern, Technologien politisch auswählen, Unternehmen mit immer neuen Vorgaben beschäftigen und anschließend mit Subventionen jene Probleme lindern, die zuvor politisch mitverursacht wurden. Diese Vorstellung scheitert an einer simplen marktwirtschaftlichen Realität: Kapital ist nicht patriotisch. Es geht dorthin, wo sich Investitionen rechnen.
Nun trifft auf diese bereits geschwächte Struktur der nächste Energiepreisschock. Der Iran-Konflikt hat die Kosten importierter Energie erneut massiv erhöht. Im Juni lagen die Importpreise für Energie fast ein Viertel über dem Vorjahresniveau. Geopolitische Krisen kann Berlin nicht verhindern. Umso unverantwortlicher ist es aber, einen Wirtschaftsstandort schon in normalen Zeiten so teuer und verletzlich zu machen, dass jeder externe Energieschock auf eine ohnehin angeschlagene Kostenbasis trifft.
Deutschland braucht deshalb keine weitere Beruhigungspille. Ein leicht wachsendes Bruttoinlandsprodukt und etwas bessere Geschäftserwartungen sind erfreulich, aber sie ersetzen keine verlorenen Unternehmen. Volkswirtschaften können statistisch wachsen und gleichzeitig an Substanz verlieren. Entscheidend ist nicht nur, was in einem Quartal produziert wird. Entscheidend ist, wer in fünf oder zehn Jahren noch hier produziert.
Und genau deshalb darf der Schutz der verbliebenen Unternehmenssubstanz nicht bei Energiepreisen und Bürokratie enden.
Wer mittelständische Unternehmen schützen will, muss auch darüber sprechen, was auf dem Energiemarkt selbst geschieht. Dieser Markt ist inzwischen derart kompliziert, dass mittelständische Unternehmer bei Beschaffung, Netzentgelten, Umlagen, Lastmanagement, Vertragsmodellen und regulatorischen Veränderungen auf spezialisierte Beratung angewiesen sein können. Gleichzeitig fehlen für die gewerbliche energiewirtschaftliche Unternehmensberatung verbindliche Mindeststandards für die erforderliche Fachkunde. Und wirtschaftliche Interessen hinter Beratungs- und Vermittlungsmodellen sind für Unternehmen nicht immer in der notwendigen Klarheit erkennbar.
Das ist kein Kavaliersdelikt. Es ist eine regulatorische Lücke.
Wer einem Unternehmen bei Entscheidungen über Energiekosten in sechs- oder siebenstelliger Höhe berät, muss nachweisen können, dass er weiß, was er tut. Wer an einem vermittelten Energieliefervertrag verdient, muss offenlegen, wie und woran er verdient. Provisionen, Margen und Aufschläge gehören auf den Tisch. Und wer wirtschaftlich von Lieferanten, Plattformen oder anderen Marktteilnehmern profitiert, darf sich gegenüber Unternehmenskunden nicht hinter dem wohlklingenden Etikett eines angeblich „unabhängigen Energieberaters“ verstecken.
Genau deshalb hat die Mittelstandsvereinigung Energie für Deutschland die Initiative VERITAS auf den Weg gebracht. Nicht um einen weiteren bürokratischen Apparat zu schaffen, sondern um eine absurde Lücke zu schließen: Unternehmen werden bei immer komplexeren Energieentscheidungen einem Beratungsmarkt ausgesetzt, in dem Fachkunde und wirtschaftliche Unabhängigkeit nicht in dem Maße verbindlich geregelt sind, wie es angesichts der finanziellen Tragweite notwendig wäre.
Unsere Forderung ist deshalb einfach: Wer berät, muss qualifiziert sein. Wer verdient, muss offenlegen. Wer sich unabhängig nennt, muss es auch sein.
In wirtschaftlich guten Zeiten wäre dieser Missstand bereits schwer verständlich. In einer Situation, in der Deutschland so viele Unternehmen verliert wie seit fast zwei Jahrzehnten nicht mehr, ist er nicht länger hinnehmbar. Jeder Euro, der einem mittelständischen Betrieb durch unnötig teure Beschaffung, versteckte Vergütungsmodelle oder mangelhafte Beratung entzogen wird, fehlt für Investitionen, Beschäftigung, Rücklagen und Unternehmensnachfolge.
Deutschland hat kein Unternehmensproblem, weil seine Unternehmer plötzlich schlechter geworden wären. Das Land hat ein Standortproblem, weil Unternehmertum immer häufiger gegen Rahmenbedingungen ankämpfen muss, die andere Volkswirtschaften ihren Unternehmen so nicht zumuten.
188.000 geschlossene Unternehmen sollten deshalb nicht als weitere schlechte Wirtschaftsnachricht abgeheftet werden. Sie sind ein Warnsignal. Deutschland verliert nicht nur Firmen. Es verliert Unternehmer, Investoren, Arbeitgeber und Menschen, die bereit sind, eigenes Kapital ins Risiko zu stellen.
Eine verantwortliche Wirtschaftspolitik müsste jetzt alles daransetzen, diesen Prozess umzukehren: Energiepreise runter, regulatorische Lasten runter, Investitionsbedingungen verbessern, unternehmerische Freiheit stärken und endlich dafür sorgen, dass mittelständische Unternehmen auf einem komplizierten Energiemarkt nicht auch noch durch Intransparenz und Scheinkompetenz zur Beute provisionsgetriebener Geschäftsmodelle werden.
Denn irgendwann ist der letzte gesunde Betrieb geschlossen.
Und dann hilft auch kein Förderprogramm mehr.
