Klartext

Deutschlands Gasreserve schrumpft – und Berlin nennt das Versorgungssicherheit

Analyse

Deutschland nähert sich dem Winter mit einem bemerkenswerten energiepolitischen Experiment: Die Gasspeicher sind historisch schwach gefüllt, die Befüllung kommt nur schleppend voran, Gas wird teuer gehandelt, die internationalen LNG-Märkte stehen unter geopolitischem Druck – und die Bundesregierung sieht gegenwärtig keine Gefährdung der Versorgungssicherheit.

Formal mag das stimmen. Politisch ist es zu wenig.

Versorgungssicherheit beginnt nicht erst in dem Moment, in dem irgendwo ein Industriebetrieb kein Gas mehr erhält. Sie beginnt mit ausreichenden Reserven, belastbaren Importwegen, kalkulierbaren Preisen und genügend Puffer für genau jene Ereignisse, die niemand zuverlässig vorhersagen kann. Wer erst dann von einem Problem spricht, wenn die Versorgung tatsächlich ausfällt, verwechselt Krisenmanagement mit Energiepolitik.

Am 18. August waren die deutschen Gasspeicher lediglich zu 50,06 Prozent gefüllt. Zu diesem Zeitpunkt war das der niedrigste prozentuale Stand seit mindestens 15 Jahren. Im Vorjahr lagen die Speicher noch bei rund 76 Prozent. Diese Differenz ist nicht kosmetischer Natur. Sie entscheidet darüber, wie abhängig Deutschland im kommenden Winter vom jederzeit störungsfreien Zufluss zusätzlicher Gasmengen sein wird.

Denn Speicher sind keine dekorative Sicherheitsreserve. Sie gehören zum Funktionsprinzip der deutschen Gasversorgung. Der Verbrauch steigt im Winter massiv. In Spitzenzeiten kann Deutschland mehrere Terawattstunden Gas am Tag benötigen, während die laufenden Importströme allein den Bedarf nicht vollständig decken können. Den Rest liefern die Speicher.

Je leerer diese Speicher sind, desto kleiner wird die Fehlertoleranz des Systems.

Und genau hier beginnt das eigentliche Problem. Deutschland müsste die Speicher in den kommenden Wochen mit außergewöhnlich hoher Geschwindigkeit füllen. Zuletzt wurden im Sieben-Tage-Mittel nur etwa 0,5 TWh pro Tag eingespeichert. Erforderlich wären zeitweise Größenordnungen von bis zu 1,2 TWh täglich. Das wäre mehr als eine Verdoppelung der aktuellen Befüllung und läge bereits im Bereich historischer Höchstwerte.

Man kann Versorgungssicherheit politisch beschließen. Gas lässt sich davon allerdings nicht beeindrucken.

Der Markt hat einen ganz anderen Maßstab: Wirtschaftlichkeit. Speicher werden befüllt, wenn der Einkauf heute günstiger ist als der erwartete Wert des Gases im Winter. Jahrzehntelang lieferte der Sommer-Winter-Spread dafür einen natürlichen Anreiz. Dieser Mechanismus funktioniert derzeit nicht ausreichend. Hohe Sommerpreise und eine ungünstige Terminstruktur machen zusätzliche Einspeicherungen wirtschaftlich unattraktiv.

Damit entsteht ein Widerspruch, der exemplarisch für die deutsche Energiepolitik steht. Der Staat definiert ein politisch gewünschtes Sicherheitsniveau, verlässt sich bei dessen Herstellung aber auf Marktakteure, denen genau dieser Markt keinen ausreichenden wirtschaftlichen Anreiz dafür bietet.

Wenn dieses Modell nicht funktioniert, ist nicht der Markt kaputt. Dann ist die Konstruktion falsch.

Auch die oft vermittelte Vorstellung, Deutschland könne fehlende Speichermengen bei Bedarf einfach durch LNG kompensieren, hält einer nüchternen Betrachtung nicht stand. Die deutschen LNG-Terminals können an einem Wintertag nur knapp zehn Prozent des Leistungsbedarfs aller Kunden bereitstellen. Sie sind ein wichtiger zusätzlicher Importweg, aber kein Ersatz für saisonale Speicher.

Noch schwerer wiegt, dass LNG anders funktioniert als die früheren langfristigen Pipelinebeziehungen. Deutschland konkurriert heute stärker mit Asien und anderen Importregionen um global gehandelte Mengen. Die Verfügbarkeit richtet sich nach internationalen Preisen, Transportwegen und geopolitischen Entwicklungen. Wer mehr bietet, zieht Ladungen an. Wer weniger bietet, bekommt sie nicht.

Das mag ökonomisch effizient sein. Versorgungspolitisch bedeutet es aber: Sicherheit hat einen Weltmarktpreis.

Der Iran-Konflikt macht sichtbar, wie problematisch diese Abhängigkeit werden kann. Jede Störung wichtiger Energiehandelsrouten, jede Eskalation rund um den Persischen Golf und jede Verknappung internationaler LNG-Mengen trifft Europa heute unmittelbarer als noch vor wenigen Jahren. Deutschland hat seine Energieabhängigkeit nicht abgeschafft. Es hat sie neu organisiert.

Aus einer starken Abhängigkeit von Pipelinegas wurde eine stärkere Abhängigkeit von Weltmärkten, LNG-Infrastruktur, Schiffstransporten und internationalen Preisrelationen. Ob diese Konstruktion unter normalen Bedingungen funktioniert, ist nicht die entscheidende Frage. Ein belastbares Energiesystem muss gerade dann funktionieren, wenn die Bedingungen nicht normal sind.

Die Bundesregierung verweist darauf, dass derzeit keine unmittelbare Versorgungskrise besteht. Niemand muss das bestreiten. Nur beantwortet diese Feststellung die falsche Frage.

Für Industrie und Mittelstand beginnt die Krise nicht erst mit einer behördlich festgestellten Gasmangellage. Sie beginnt wesentlich früher – an den Terminmärkten, in Beschaffungsverträgen und in den Kalkulationen für das kommende Geschäftsjahr. Je knapper die Speicher, je größer die geopolitischen Risiken und je kleiner die Reserve, desto höher wird die Risikoprämie im Preis.

Gaspreise bleiben dabei kein Problem des Gasmarktes. Sie schlagen über Gaskraftwerke auf den Strommarkt durch, verteuern Prozesswärme, beeinflussen Rohstoff- und Vorproduktpreise und verschlechtern die Wettbewerbsfähigkeit einer Industrie, die bereits heute mit Energiekosten kämpft, die in zahlreichen Branchen international kaum konkurrenzfähig sind.

Damit bekommt die aktuelle Speicherlage eine wirtschaftspolitische Dimension, die weit über den kommenden Winter hinausreicht.

Deutschland plant zugleich ein Stromsystem, in dem wetterabhängige Erzeugung einen immer größeren Anteil übernimmt und regelbare Kraftwerke einspringen müssen, wenn Wind und Sonne nicht ausreichend liefern. Ein beträchtlicher Teil dieser gesicherten Leistung soll durch Gaskraftwerke bereitgestellt werden. Der Gasbedarf verschwindet also nicht mit der Energiewende. Er wird zusätzlich Teil der Absicherung dieser Energiewende.

Das ist der Widerspruch, über den deutlich zu wenig gesprochen wird: Deutschland macht Gas einerseits politisch zum Auslaufmodell und baut andererseits ein Stromsystem, das auf Gas als Sicherheitsanker angewiesen bleibt.

Dieser Sicherheitsanker ist nun ausgerechnet außergewöhnlich schwach gefüllt.

Aus Sicht der Mittelstandsvereinigung Energie für Deutschland e. V. ist das Ergebnis dieser Politik nicht mehr schönzureden. Versorgungssicherheit darf kein Schönwetterversprechen sein, das nur dann funktioniert, wenn der Winter mild bleibt, LNG jederzeit verfügbar ist, geopolitische Konflikte nicht eskalieren und internationale Märkte Deutschland zu akzeptablen Preisen beliefern.

Ein Industrieland braucht Reserven. Es braucht Redundanz. Es braucht langfristig kalkulierbare Energieversorgung. Und vor allem braucht es eine Energiepolitik, die Versorgungssicherheit und wettbewerbsfähige Preise nicht hinter politischen Transformationszielen einordnet.

Mittelständische Unternehmen können ihre Produktion nicht danach ausrichten, ob im kommenden Winter genügend Wind weht, LNG-Tanker nach Europa umgeleitet werden oder der Weltmarkt Deutschland gerade günstige Preise anbietet. Sie benötigen Energie zuverlässig, jederzeit und zu Preisen, mit denen sie international konkurrieren können.

Der aktuelle Speicherstand zeigt deshalb mehr als eine angespannte Marktphase. Er zeigt, wie schmal das energiepolitische Sicherheitsfundament Deutschlands inzwischen geworden ist.

Ein Industrieland sollte Ende August nicht darüber diskutieren müssen, ob seine Gasspeicher vor dem Winter noch ausreichend gefüllt werden können.

Dass Deutschland genau das wieder tun muss, ist kein Naturereignis.

Es ist das Ergebnis seiner Energiepolitik.