Klartext

Deutschlands Industrie unter Dauerbeschuss – die nächste Energiepreiswelle rollt

Analyse

Deutschland braucht wirtschaftliches Wachstum, industrielle Investitionen und international wettbewerbsfähige Produktionsbedingungen. Die Bundesregierung verspricht Aufschwung, Transformation und eine neue Stärke des Industriestandorts. Die wirtschaftliche Realität hält sich allerdings hartnäckig nicht an das politische Drehbuch. Während in Berlin an der nächsten Zukunftserzählung gearbeitet wird, steigen in den Betrieben die Kosten. Energie wird teurer, die Produktionspreise ziehen kräftig an, die Konjunkturerwartungen verschlechtern sich, und für das kommende Jahr stehen bereits die nächsten Belastungen durch höhere Netzentgelte fest. Gleichzeitig demonstriert der europäische Gasmarkt erneut, wie verwundbar die Energieversorgung Deutschlands gegenüber internationalen Krisen geworden ist. Es sind keine guten Nachrichten für einen Industriestandort, der dringend wieder auf die Beine kommen müsste. Vor allem aber sind es keine voneinander unabhängigen Nachrichten. Sie gehören zusammen und ergeben ein wirtschaftspolitisches Gesamtbild, das der Bundesregierung alles andere als schmecken dürfte.

Das Statistische Bundesamt hat am Dienstag Zahlen veröffentlicht, die eigentlich sämtliche energiepolitischen Alarmglocken in Berlin auslösen müssten. Die Erzeugerpreise gewerblicher Produkte lagen im September 2026 um 6,7 Prozent über dem Vorjahresniveau. Es war der stärkste Anstieg seit März 2023. Maßgeblicher Kostentreiber war erneut die Energie, deren Erzeugerpreise innerhalb eines Jahres um 14,9 Prozent stiegen. Erdgas verteuerte sich über alle Abnehmergruppen hinweg um 15,0 Prozent, Strom um 8,2 Prozent. Bei Mineralölerzeugnissen betrug der Preisanstieg sogar 51,3 Prozent. Gleichzeitig kosteten chemische Grundstoffe 11,3 Prozent und Roheisen, Stahl sowie Ferrolegierungen 8,4 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Selbst ohne Energie lag der Anstieg der Erzeugerpreise noch bei 3,2 Prozent. Das ist die wirtschaftliche Wirklichkeit hinter den politischen Schlagworten von Modernisierung, Transformation und industrieller Erneuerung.

Für Industrieunternehmen sind solche Zahlen keine statistische Randnotiz. Sie greifen unmittelbar in die Kalkulation ein. Energie ist in zahlreichen Produktionsprozessen eine unverzichtbare Voraussetzung der Wertschöpfung, in manchen Branchen sogar einer der entscheidenden Kostenfaktoren. Wer Stahl schmilzt, Glas produziert, Chemikalien herstellt, Papier verarbeitet oder Lebensmittel industriell fertigt, kann steigende Energiekosten nicht einfach wegdiskutieren. Sie müssen entweder über höhere Verkaufspreise weitergegeben, durch sinkende Margen aufgefangen oder an anderer Stelle eingespart werden. Gelingt nichts davon, verliert der Standort an Wettbewerbsfähigkeit. Besonders bitter wird es, wenn internationale Wettbewerber unter günstigeren Energiebedingungen produzieren und ihre Waren auf denselben Märkten anbieten. Dann entscheidet nicht mehr allein die Leistungsfähigkeit eines Unternehmens über dessen Zukunft, sondern zunehmend der Standort, an dem es wirtschaften muss.

Passend dazu lieferte das Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung am selben Tag die nächste ernüchternde Nachricht. Die deutschen Konjunkturerwartungen fielen im Oktober von 34,7 auf 28,1 Punkte. Nach Monaten einer vorsichtigen Verbesserung erhielt die Hoffnung auf einen kräftigeren Aufschwung einen deutlichen Dämpfer. ZEW-Präsident Achim Wambach stellte den Zusammenhang mit den hohen Energiepreisen ausdrücklich her. Diese belasten die Realeinkommen, erhöhen die Produktionskosten, halten die Inflation auf einem höheren Niveau und schwächen die privaten Investitionen. Bemerkenswert ist daran weniger die Feststellung selbst als die Tatsache, dass Deutschlands Wirtschaftspolitik offenbar immer wieder daran erinnert werden muss, dass hohe Produktionskosten und wirtschaftliches Wachstum ausgesprochen schlechte Partner sind.

Noch deutlicher wird das Problem, wenn man die Perspektive eines Unternehmers einnimmt, der heute über eine Investition in Deutschland entscheiden muss. Eine neue Produktionsanlage wird nicht für die nächste Kabinettssitzung errichtet, sondern für die kommenden zehn, zwanzig oder dreißig Jahre. Wer Millionenbeträge investiert, benötigt eine belastbare Einschätzung seiner zukünftigen Kosten. Er muss wissen, zu welchen Bedingungen er Strom und Gas beziehen kann, welche Netzentgelte anfallen und wie sich politische Eingriffe auf seine Kalkulation auswirken. Genau diese Planbarkeit wird zunehmend schwieriger. Die internationalen Energiemärkte sind volatil, die regulatorischen Rahmenbedingungen verändern sich, und die Kosten der deutschen Energieinfrastruktur steigen. Eine noch so ambitionierte Investitionsförderung kann fehlende langfristige Wirtschaftlichkeit nicht ersetzen. Subventionen machen aus einem dauerhaft unwirtschaftlichen Produktionsstandort keinen wettbewerbsfähigen.

Dass der nächste Kostenschub bereits vorbereitet ist, zeigen die vorläufigen Netzentgelte für 2027. Nach Berechnungen des Vergleichsportals Verivox steigen die Stromnetzentgelte im Bundesdurchschnitt um 1,9 Prozent, die Gasnetzentgelte um rund 3,0 Prozent. Auf den ersten Blick mögen diese Werte vergleichsweise überschaubar erscheinen. Wer daraus Entwarnung ableitet, verkennt jedoch das eigentliche Problem. Netzentgelte sind keine freiwillige Zusatzleistung, auf die Unternehmen bei Bedarf verzichten könnten. Sie gehören zu den unvermeidbaren Kosten der Energieversorgung. Ihre Entwicklung ist Ausdruck einer Infrastruktur, deren Finanzierung über die Energiekunden organisiert wird. Noch aufschlussreicher ist der Blick auf die Übertragungsnetze. Dort steigen die bundeseinheitlichen Entgelte im kommenden Jahr von 2,86 auf 3,54 Cent je Kilowattstunde und damit um knapp 24 Prozent. Gleichzeitig reduziert der Bund seinen Zuschuss zu diesen Kosten von 6,5 auf 5,525 Milliarden Euro.

Hier zeigt sich eine der bemerkenswertesten Eigentümlichkeiten deutscher Energiepolitik. Der Staat beschließt einen umfassenden Umbau des Energiesystems, schafft durch politische Vorgaben und Fördermechanismen neue Investitions- und Infrastrukturbedürfnisse und präsentiert den Unternehmen anschließend die Rechnung. Werden Teile dieser Rechnung aus dem Bundeshaushalt bezahlt, spricht die Politik von Entlastung. Werden die Zuschüsse wieder reduziert, steigen die ausgewiesenen Netzkosten. Bezahlt werden muss die Infrastruktur in beiden Fällen. Einmal über die Stromrechnung, ein anderes Mal über den Steuerzahler. Der Unterschied ist für die politische Kommunikation offenbar gewaltig, für die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung hingegen deutlich weniger beeindruckend.

Gerade der Stromnetzausbau verdeutlicht, wie weitreichend die wirtschaftlichen Folgen des eingeschlagenen energiepolitischen Kurses sind. Ein Versorgungssystem mit einem stetig wachsenden Anteil wetterabhängiger und räumlich dezentral verteilter Stromerzeugung stellt erhebliche Anforderungen an Transportkapazitäten, Netzstabilität, Regelenergie und Systemführung. Die dafür notwendigen Investitionen verschwinden nicht dadurch, dass Windstrom und Solarstrom an der Börse zeitweise besonders günstig angeboten werden. Der Preis einer einzelnen erzeugten Kilowattstunde sagt noch wenig über die Kosten einer jederzeit bedarfsgerechten und zuverlässig verfügbaren Stromversorgung aus. Für einen Industriebetrieb ist es schließlich von begrenztem wirtschaftlichem Nutzen, wenn Strom an windreichen Sonntagen besonders billig ist, seine Produktionsanlagen aber an einem kalten, windstillen Werktag zuverlässig und zu bezahlbaren Konditionen laufen müssen. Genau darin liegt einer der fundamentalen Denkfehler einer Energiepolitik, die installierte Leistung und wetterabhängige Stromproduktion regelmäßig als Beleg für Fortschritt präsentiert, während die Kosten der Systemintegration immer weiter anwachsen.

Auch bei den Gasnetzen zeichnet sich eine wirtschaftlich problematische Entwicklung ab. Sinkende Transportmengen treffen auf eine Infrastruktur, deren Kosten nicht im gleichen Umfang zurückgehen. Die verbleibenden Nutzer müssen deshalb einen größeren Teil der Netzkosten tragen. Das kann die Gasnutzung weiter verteuern und zusätzlichen wirtschaftlichen Druck erzeugen. Eine solche Entwicklung besitzt durchaus das Potenzial einer sich selbst verstärkenden Kostenspirale: Weniger Nutzer bedeuten höhere spezifische Netzkosten, höhere Netzkosten verschlechtern die Wirtschaftlichkeit, und eine weiter sinkende Nutzung erhöht erneut die Belastung der verbleibenden Kunden. Für Unternehmen, die auf Erdgas als Prozessenergie angewiesen sind, ist das keine abstrakte Debatte über die langfristige Transformation der Wärmeversorgung, sondern ein konkretes Standort- und Investitionsrisiko.

Als wäre diese strukturelle Kostenentwicklung nicht bereits problematisch genug, meldete sich am Dienstag auch der europäische Gasmarkt mit Nachdruck zurück. Der TTF-Gaspreis überschritt im Tageshandel zeitweise erneut die Marke von 90 Euro je Megawattstunde. Der November-Future erreichte einen Höchststand von 90,235 Euro, bevor er den Handel bei rund 86,40 Euro beendete. Noch vor wenigen Jahren wären solche Preisniveaus für weite Teile der deutschen Industrie kaum vorstellbar gewesen. Inzwischen gehören extreme Preisbewegungen wieder zu den Risiken, die Unternehmen bei ihren Beschaffungsentscheidungen berücksichtigen müssen. Die geopolitische Eskalation im Nahen Osten, die Störungen internationaler LNG-Lieferketten und der globale Wettbewerb um verfügbare Gasmengen wirken unmittelbar auf den europäischen Markt. Gerade die Ausfälle katarischer LNG-Lieferungen demonstrieren, wie schnell europäische Importeure gezwungen sein können, Ersatzmengen unter veränderten Marktbedingungen zu beschaffen.

Die internationale Lage ist zweifellos eine wesentliche Ursache dieser Preisentwicklung. Die wirtschaftspolitische Verantwortung Deutschlands beginnt jedoch dort, wo entschieden wird, wie widerstandsfähig die eigene Energieversorgung gegenüber solchen Ereignissen aufgestellt ist. Deutschland hat sich mit dem Verlust der russischen Pipelinegaslieferungen in eine fundamental veränderte Beschaffungssituation begeben. Der stärkere Rückgriff auf internationale LNG-Märkte bedeutet auch eine stärkere Abhängigkeit von globalem Wettbewerb, geopolitischen Krisen und den Kosten internationaler Transportketten. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Deutschland inzwischen über zusätzliche LNG-Importkapazitäten verfügt. Ein Terminal schafft die technische Möglichkeit, Gas anzulanden. Es garantiert weder günstige Beschaffungspreise noch die Verfügbarkeit preiswerter Mengen auf dem Weltmarkt. Wer Importinfrastruktur mit preislicher Versorgungssicherheit verwechselt, sollte gelegentlich mit den Menschen sprechen, die für deutsche Industrieunternehmen tatsächlich Energie einkaufen.

Die Größenordnung der Risiken lässt sich mit einer einfachen Rechnung verdeutlichen. Ein Industriebetrieb mit einem jährlichen Gasbedarf von 100 Gigawattstunden trägt bei einer Verteuerung seiner noch ungesicherten Mengen um lediglich zehn Euro je Megawattstunde eine zusätzliche Kostenbelastung von einer Million Euro, sofern die gesamte Jahresmenge betroffen ist. Bei zwanzig Euro sind es zwei Millionen Euro. Das ist keine hypothetische Kleinigkeit, sondern kann über Investitionen, Beschäftigung, Wettbewerbsfähigkeit und die Rentabilität ganzer Produktionsbereiche entscheiden. Wer rechtzeitig eingedeckt hat, kann bestimmte Preissprünge vorübergehend abfedern. Wer offene Mengen beschaffen muss, trägt das Marktpreisrisiko unmittelbar. Damit wird professionelle Energiebeschaffung zu einer immer wichtigeren unternehmerischen Aufgabe. Sie kann allerdings nicht die grundsätzlichen Nachteile eines Wirtschaftsstandorts beseitigen, dessen Energieversorgung durch politische Entscheidungen, regulatorische Belastungen und internationale Abhängigkeiten übermäßig verteuert wird.

Besonders schwer wiegt die Kombination dieser Entwicklungen. Steigende Energiepreise belasten die Produktion. Höhere Netzentgelte verschlechtern die Kostenbasis zusätzlich. Unsichere internationale Gaspreise erschweren langfristige Kalkulationen. Gleichzeitig schwächen die steigenden Kosten Konsum, Investitionen und konjunkturelle Erwartungen. Die Unternehmen geraten damit von mehreren Seiten unter Druck, während die Bundesregierung weiterhin über Wachstum, industrielle Transformation und Wettbewerbsfähigkeit spricht. Die entscheidende wirtschaftspolitische Frage lautet deshalb längst nicht mehr, wie viele Förderprogramme notwendig sind, um einzelne Unternehmen zur nächsten politisch gewünschten Investition zu bewegen. Sie lautet, warum Deutschland seine industrielle Produktion überhaupt mit immer höheren strukturellen Kosten belastet und anschließend versucht, die wirtschaftlichen Folgen mit Subventionen zu reparieren.

Genau diese Entwicklung kritisiert die Mittelstandsvereinigung Energie für Deutschland seit Jahren. Energiepolitik muss sich zuerst an Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit und internationaler Wettbewerbsfähigkeit messen lassen. Eine Industrienation benötigt eine Energieversorgung, die jederzeit ausreichende Mengen zu wirtschaftlich tragbaren Preisen bereitstellen kann. Stattdessen hat Deutschland einen energiepolitischen Kurs eingeschlagen, bei dem immer neue Vorgaben, Fördermechanismen, Netzinvestitionen und regulatorische Eingriffe eine zunehmend kostspielige Gesamtstruktur hervorbringen. Die Politik präsentiert einzelne Entlastungen, während die systemischen Kosten weiterlaufen. Sie fördert Investitionen, deren Wirtschaftlichkeit durch die eigenen energiepolitischen Rahmenbedingungen beeinträchtigt wird. Sie spricht von Technologieoffenheit, während politisch definierte Transformationspfade wesentliche wirtschaftliche Entscheidungen vorprägen. Und sie beklagt eine schwache Konjunktur, obwohl ihre Energiepolitik selbst erheblich zur Belastung industrieller Wertschöpfung beiträgt.

Es gehört zu den wirtschaftspolitischen Absurditäten unserer Zeit, dass Unternehmen inzwischen öffentliche Unterstützung benötigen können, um Investitionen zu realisieren, die unter international wettbewerbsfähigen Energiebedingungen möglicherweise aus eigener Kraft wirtschaftlich wären. Der Staat verursacht oder verstärkt Kosten, verteilt anschließend Fördermittel und lässt sich für die vermeintliche Rettung industrieller Wettbewerbsfähigkeit feiern. Das ist eine bemerkenswerte Form politischer Wertschöpfung: Zunächst verschlechtert man die Voraussetzungen unternehmerischen Handelns, anschließend erklärt man deren teilweise Kompensation zum wirtschaftspolitischen Erfolg. Die eigentliche Frage, ob die ursprünglichen Belastungen überhaupt notwendig und wirtschaftlich vertretbar waren, wird dabei erstaunlich selten gestellt.

Deutschland steht vor einer grundsätzlichen industriepolitischen Entscheidung. Es kann weiter versuchen, eine zunehmend teure Energieversorgung durch Zuschüsse, Sondertarife, Ausnahmeregelungen und immer neue Förderprogramme erträglich zu machen. Oder es kann die wirtschaftlichen Voraussetzungen industrieller Wertschöpfung selbst wieder zum Maßstab seiner Energiepolitik erheben. Dazu gehören eine konsequente Begrenzung staatlich verursachter Energiekosten, die Überprüfung kostentreibender Regulierungen, eine realistische Bewertung des weiteren Ausbaus wetterabhängiger Stromerzeugung, die Sicherung verlässlich verfügbarer Kraftwerksleistung sowie eine Energie- und Beschaffungspolitik, die wirtschaftliche Vernunft über politische Wunschvorstellungen stellt.

Die jüngsten Zahlen von Destatis, ZEW und Verivox sowie die erneuten Turbulenzen am europäischen Gasmarkt sind keine zufällige Ansammlung schlechter Nachrichten. Sie zeigen die unterschiedlichen Seiten einer wirtschaftlichen Belastung, die Deutschland dringend überwinden müsste. Der Industriestandort benötigt Wachstum, Planungssicherheit und Investitionen. Stattdessen müssen sich Unternehmen gleichzeitig mit steigenden Produktionskosten, zusätzlichen Infrastrukturbelastungen und erheblichen Beschaffungsrisiken auseinandersetzen. Solange diese grundlegenden Probleme bestehen, bleiben politische Versprechen eines neuen industriellen Aufschwungs vor allem eines: Versprechen.

Deutschlands Industrie braucht keine Regierung, die ihre Wettbewerbsfähigkeit subventioniert, nachdem sie ihr diese durch die eigene Energiepolitik genommen hat. Sie braucht eine Energiepolitik, die aufhört, ihre Wettbewerbsfähigkeit zu zerstören.