Deutschland hat ein bemerkenswertes Talent entwickelt: Kosten werden nicht mehr gesenkt, sondern so lange zwischen Rechnungen, Haushalten und Marktteilnehmern verschoben, bis irgendwo eine Zahl kleiner aussieht. Anschließend wird Entlastung verkündet.
Ein Lehrstück dafür liefert derzeit die Diskussion über die Netzentgelte.
Bundesnetzagentur-Präsident Klaus Müller stellte in Aussicht, dass die Netzentgelte für reine Stromverbraucher künftig leicht sinken könnten. Für Haushalte und Unternehmen klingt das zunächst nach einer guten Nachricht. Nach Jahren steigender Energiekosten, wachsender Netzbelastungen und milliardenschwerer Investitionen scheint wenigstens an einer Stelle Entspannung in Sicht.
Nur hat diese Geschichte einen Schönheitsfehler: Das Stromnetz wird dadurch nicht billiger.
Die Bundesnetzagentur selbst macht daraus in ihren Fachunterlagen kein Geheimnis. Bei AgNes geht es um die Verteilung von rund 37 Milliarden Euro Netzkosten. Genau deshalb lohnt es sich, die politische Übersetzung dieses Satzes genauer anzusehen. Wenn die Kosten gleich bleiben oder steigen, aber anders verteilt werden, können einzelne Verbraucher zwar weniger bezahlen. Das ist jedoch keine Kostensenkung. Es ist Umverteilung.
Der Unterschied ist keineswegs akademisch.
2026 stellt der Staat 6,5 Milliarden Euro bereit, um die Übertragungsnetzentgelte zu dämpfen. Für den Stromkunden sieht das zunächst erfreulich aus. Seine Rechnung fällt niedriger aus, als sie ohne diesen Eingriff ausgefallen wäre.
Nur wird aus einer Rechnung keine Ersparnis, indem man sie aus einem Briefumschlag in einen anderen steckt.
Die 6,5 Milliarden Euro sind nicht verschwunden. Sie werden lediglich nicht vollständig über die Stromrechnung erhoben. Bezahlt werden sie über staatliche Mittel. Aus dem Stromkunden wird der Steuerzahler. Ein Teil der Kosten verschwindet aus der Netzentgeltposition und taucht im öffentlichen Haushalt wieder auf.
Wer darin eine strukturelle Senkung der Energiekosten erkennt, verwechselt Buchhaltung mit Volkswirtschaft.
Noch deutlicher wird dieser Mechanismus bei AgNes selbst. Prosumer sollen künftig stärker zur Netzfinanzierung beitragen. Erzeuger sollen zusätzliche Beiträge leisten. Weitere Nutzergruppen werden in die Finanzierung einbezogen. Für klassische Stromverbraucher können daraus tatsächlich geringere Netzentgelte entstehen.
Aber auch hier gilt: Die Rechnung verschwindet nicht. Sie bekommt lediglich einen anderen Adressaten.
Politisch ist das natürlich verlockend. Eine Regierung oder Behörde kann einer großen Verbrauchergruppe eine Entlastung präsentieren, während die Gegenfinanzierung auf andere Gruppen verteilt wird. Für die öffentliche Wahrnehmung bleibt die sinkende Zahl hängen. Über die steigende Zahl an anderer Stelle wird deutlich weniger gesprochen.
Für die MVE ist diese Form der Betrachtung zu kurz gegriffen.
Noch problematischer wird die Reform dort, wo Unternehmen selbst zu einem Teil der Netzsteuerung gemacht werden sollen. Bestellte Kapazitäten, höhere Preise bei Überschreitungen, dynamische Netzentgelte und zusätzliche Flexibilitätsanreize sollen industrielle Verbraucher dazu bewegen, ihren Stromverbrauch stärker an den Anforderungen des Netzes auszurichten.
Was auf dem Papier nach Effizienz klingt, kann in der betrieblichen Realität teuer werden.
Produktion lässt sich nicht beliebig verschieben. Maschinenparks, Prozessketten, Schichtsysteme, Liefertermine und Qualitätsanforderungen richten sich nicht nach dem momentanen Zustand des Stromnetzes. Wer Unternehmen dennoch dazu bringen will, ihre Lasten stärker an das Netz anzupassen, erzeugt zwangsläufig neue Kosten.
Speicher müssen finanziert werden. Steuerungstechnik kostet Geld. Prognosesysteme müssen aufgebaut werden. Produktionsabläufe müssen angepasst werden. Kapital wird gebunden. Und wenn eine Anlage nicht dann produziert, wenn es wirtschaftlich sinnvoll wäre, sondern dann, wenn es netzdienlich erscheint, entstehen zusätzlich Opportunitätskosten.
Aus Sicht des Netzes kann das trotzdem ein Erfolg sein. Wenn Redispatchkosten sinken oder Netzausbau vermieden wird, verbessert sich dort möglicherweise die Bilanz.
Für das Unternehmen muss dies keineswegs gelten.
Genau deshalb braucht Deutschland endlich eine ehrlichere energiewirtschaftliche Kostenrechnung. Nicht entscheidend ist, ob eine einzelne Position innerhalb des Energiesystems kleiner wird. Entscheidend ist, was das gesamte System kostet.
Das müsste eigentlich selbstverständlich sein.
Eine Netzreform, die zwei Milliarden Euro Netzkosten einspart, gleichzeitig aber drei Milliarden Euro zusätzliche Investitionen, Produktionsverluste oder Finanzierungskosten bei Unternehmen verursacht, wäre kein Effizienzgewinn. Sie wäre lediglich eine Kostenverschiebung mit schlechterem Gesamtergebnis.
Und genau diese Gefahr sieht die MVE bei der gegenwärtigen Entwicklung.
Der Stromverbraucher erlebt dann eine bemerkenswerte Reise seiner Kosten. Zunächst werden Milliarden über Steuermittel übernommen. Anschließend werden weitere Netznutzer stärker zur Finanzierung herangezogen. Danach sollen Unternehmen durch neue Preissignale dazu gebracht werden, Investitionen vorzunehmen und Produktionsprozesse anzupassen.
Und am Ende wird erklärt: Die Netzentgelte sinken.
Man muss kein Energieökonom sein, um zu erkennen, wie irreführend diese Betrachtung werden kann.
Deutschland leidet längst nicht mehr unter einem Mangel an energiepolitischen Steuerungsinstrumenten. Das Gegenteil ist der Fall. Immer neue Preisbestandteile, Umlagen, Förderungen, Ausnahmen, Entlastungen und regulatorische Anreize versuchen, die Folgen eines zunehmend komplexen Energiesystems zu korrigieren.
Doch mit jeder zusätzlichen Korrektur wächst die Gefahr, Ursache und Wirkung zu verwechseln.
Wenn Milliarden benötigt werden, um Netzentgelte künstlich zu begrenzen, ist das kein Beweis für sinkende Kosten. Es ist ein Hinweis darauf, wie hoch die Belastung inzwischen geworden ist.
Wenn neue Nutzergruppen stärker zahlen müssen, damit andere weniger bezahlen, ist das keine Systemverbilligung. Es ist Umverteilung.
Und wenn Unternehmen investieren und ihre Produktion verändern müssen, damit die Netzrechnung günstiger aussieht, sind die Kosten ebenfalls nicht verschwunden.
Sie stehen nur woanders.
Die MVE fordert deshalb einen einfachen Maßstab für jede weitere Reform der Netzentgelte: Nicht die politische Überschrift entscheidet, sondern die Gesamtrechnung.
Solange nicht nachgewiesen wird, dass die gesamten volkswirtschaftlichen Kosten tatsächlich sinken, sollte niemand von einer echten Entlastung sprechen.
Denn Deutschlands Unternehmen brauchen keine schöneren Stromrechnungen.
Sie brauchen niedrigere Kosten.
Und die entstehen nicht dadurch, dass man Milliarden aus der Netzbilanz in den Staatshaushalt, von einem Verbraucher zum nächsten oder schließlich in die Unternehmensbilanz verschiebt.
