Klartext

Energiewende: Die nächste tragende Wand stürzt ein

Analyse

Erst rechnet Hans-Werner Sinn mit der deutschen Energiepolitik ab. Einen Tag später meldet der Batteriespeicherpionier Sonnen Insolvenz an. Zwei Ereignisse, die ein grundlegendes Problem des deutschen Energiesystems sichtbar machen: Die Politik verlangt immer größere Investitionen in Windkraft, Photovoltaik und Batteriespeicher, während die wirtschaftliche Tragfähigkeit der Transformation zunehmend infrage steht.

Die deutsche Energiewende gleicht inzwischen einem Gebäude, dessen Architekten unverdrossen weitere Stockwerke planen, während eine tragende Wand nach der anderen nachgibt. Der Ausstieg aus der Kernenergie wurde vollzogen, konventionelle Kraftwerkskapazitäten stillgelegt und die Stromversorgung zunehmend von Wind und Sonne abhängig gemacht. Die dadurch entstandenen technischen Probleme sollen mit immer mehr Netzen, immer mehr Speichern, neuen Reservekraftwerken und Milliardeninvestitionen behoben werden. Und über allem steht weiterhin das politische Versprechen, Deutschland werde durch diesen gewaltigen Umbau zu einer wirtschaftlich erfolgreichen, technologisch führenden Industrienation.

Wie es um dieses Versprechen tatsächlich bestellt ist, hat der ehemalige Präsident des Münchner ifo-Instituts, Professor Hans-Werner Sinn, in einem bemerkenswerten Vortrag am 9. Oktober 2026 an der Universität Luzern dargelegt. Seine Analyse, die das Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik am 21. Oktober veröffentlichte, ist eine fundamentale Abrechnung mit der deutschen Wirtschafts- und Energiepolitik der vergangenen Jahre.

Sinn beschreibt Deutschland als ein Land in der schwersten strukturellen Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Zahlen, die er präsentiert, sind erschütternd. Seit 2018 ist die reale Produktion des verarbeitenden Gewerbes um 16 Prozent eingebrochen. Die Automobilindustrie verzeichnet einen Rückgang von 25 Prozent, der Maschinenbau von 23 Prozent und die Chemieindustrie von 22 Prozent. Private Nettoinvestitionen sind negativ. Deutschland verliert industrielle Substanz, während staatliche Ausgabenprogramme den wirtschaftlichen Niedergang überdecken sollen.

Besonders hart fällt Sinns Kritik an der deutschen Energie- und Klimapolitik aus. Das politische Ziel, Deutschland bis 2045 klimaneutral zu machen, würde nach seinen Berechnungen eine Verzehnfachung der Wind- und Solarenergie innerhalb von rund zwei Jahrzehnten erfordern. Gleichzeitig verweist er auf die ungelösten Probleme der langfristigen Stromspeicherung und die enormen Kosten paralleler Energieversorgungssysteme. Sinn fordert deshalb nicht die nächste Förderoffensive, sondern eine grundlegende Kurskorrektur einschließlich der Rückkehr zur Kernenergie.

Es ist eine Diagnose, die den Kern der deutschen Energiewende trifft. Denn deren politische Konstruktion beruht auf der Annahme, dass sich eine hochindustrialisierte Volkswirtschaft langfristig zuverlässig und wirtschaftlich mit zunehmend wetterabhängiger Stromerzeugung versorgen lässt. Voraussetzung dafür sind jedoch gewaltige zusätzliche Investitionen in Erzeugungskapazitäten, Stromnetze, Speicher, Reservekraftwerke und Systemdienstleistungen. Je stärker die wetterabhängige Stromerzeugung ausgebaut wird, desto größer wird die Bedeutung jener technischen Einrichtungen, die ihre Schwankungen ausgleichen müssen.

Und ausgerechnet an dieser Stelle erreicht Deutschland die nächste Hiobsbotschaft.

Am 22. Oktober 2026, nur einen Tag nach Veröffentlichung von Sinns Vortrag, meldet die Sonnen GmbH Insolvenz an. Ein deutscher Pionier der Batteriespeichertechnologie, jahrelang als Vorzeigeunternehmen der Energiewende gefeiert, steht vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch seiner bisherigen Unternehmensstruktur.

Die zeitliche Koinzidenz könnte kaum bezeichnender sein. Während einer der renommiertesten deutschen Ökonomen die fundamentalen wirtschaftlichen Probleme der Energiewende beschreibt, scheitert ausgerechnet ein Unternehmen, das eine ihrer entscheidenden Zukunftstechnologien entwickelt und vermarktet.

Noch grotesker wird die Angelegenheit durch eine weitere Meldung desselben Tages. Am 22. Oktober verkündet der Bundesverband Solarwirtschaft einen Anstieg des Batteriespeicherzubaus in Deutschland um 91 Prozent. Rund 8,2 Gigawattstunden zusätzliche Speicherkapazität wurden in den ersten neun Monaten des Jahres installiert. Ein Rekord, den die Branche als weiteren Erfolg präsentiert.

Der Speichermarkt boomt, aber einer seiner bekanntesten deutschen Pioniere ist insolvent. Die Nachfrage wächst, doch heimische Hersteller verlieren an Boden. Die Politik feiert die installierten Kapazitäten, während die industrielle Wertschöpfung zunehmend bei ausländischen Anbietern entsteht.

Man muss diese Widersprüche nur nebeneinanderstellen, um zu erkennen, wie weit die politische Erfolgserzählung und die industrielle Wirklichkeit auseinanderliegen.

Sonnen wurde 2010 im Allgäu gegründet und gehörte zu den technologischen Wegbereitern intelligenter Batteriespeichersysteme. Das Unternehmen entwickelte nicht nur Heimspeicher, sondern auch Konzepte zur Vernetzung dezentraler Anlagen zu virtuellen Kraftwerken. Damit sollte Sonnen zu einem wichtigen Bestandteil jener neuen Stromversorgung werden, die nach den Vorstellungen der Energiewende ohne Kernenergie und perspektivisch weitgehend ohne fossile Kraftwerke auskommen soll.

Die wirtschaftlichen Erwartungen waren entsprechend gewaltig. Als der britische Energiekonzern Shell das Unternehmen 2019 für knapp eine halbe Milliarde Euro übernahm, schien der internationale Durchbruch erreicht. Shell investierte anschließend weitere erhebliche Summen. Doch auch das Kapital eines der größten Energiekonzerne der Welt konnte das strukturelle Ertragsproblem nicht lösen.

Der Umsatz der betrachteten Unternehmensgruppe brach von 443 Millionen Euro im Jahr 2023 auf knapp 199 Millionen Euro im Jahr 2024 ein. Gleichzeitig entstand ein negatives operatives Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen von nahezu 189 Millionen Euro. Selbst nach massiven Einsparungen blieb 2025 ein negatives Ergebnis von mehr als 52 Millionen Euro.

Das sind keine gewöhnlichen Anlaufschwierigkeiten einer jungen Technologie. Es sind Zahlen, die von einem über Jahre nicht ausreichend tragfähigen Geschäftsmodell zeugen.

Shell zog schließlich die Konsequenzen und verkaufte Sonnen im August 2026 an den Investor Tiven. Zwei Monate später folgte die Insolvenz. Besonders brisant sind die vom Handelsblatt veröffentlichten Insiderinformationen über mögliche Vorbereitungen zur Verlagerung werthaltiger Unternehmensteile in das amerikanische Geschäft. Der Verdacht liegt nahe, dass wirtschaftlich interessante Vermögenswerte erhalten bleiben sollen, während defizitäre Strukturen abgewickelt werden. Ob entsprechende Vorgänge rechtlich zu beanstanden sind, muss aufgeklärt werden.

Für den Industriestandort Deutschland ist bereits die wirtschaftliche Perspektive alarmierend. Ein Unternehmen, in dessen Aufbau über Jahre enormes Kapital, technisches Wissen und unternehmerische Arbeit geflossen sind, droht seine bisherige Rolle als deutscher Industriehersteller zu verlieren. Die Technologie bleibt, die Nachfrage bleibt, das Geschäft bleibt. Doch die industrielle Substanz am Standort Deutschland steht auf dem Spiel.

Genau hier erhält die Analyse von Hans-Werner Sinn ihre besondere Bedeutung. Denn die Schwierigkeiten von Sonnen sind nicht mit der von Sinn beschriebenen strukturellen Wirtschaftskrise gleichzusetzen, sie machen jedoch einen ihrer zentralen Widersprüche sichtbar: Deutschland verfolgt eine außerordentlich kapitalintensive Energiepolitik, ohne dass deren technologische und industrielle Wertschöpfung zwangsläufig im eigenen Land entsteht.

Für Sinn ist die deutsche Deindustrialisierung nicht das Ergebnis einer gewöhnlichen konjunkturellen Schwäche. Er beschreibt ein strukturelles Problem, das durch politische Entscheidungen, hohe Kosten, Regulierung, demografische Veränderungen und unilaterale klimapolitische Vorgaben verschärft wird. Seine Schlussfolgerung lautet, dass Deutschland ohne eine grundlegende Kurskorrektur Gefahr läuft, dauerhaft industrielle Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren.

Der Fall Sonnen liefert zu dieser Diagnose ein besonders anschauliches Beispiel. Denn hier scheitert kein Unternehmen, dessen Produkt durch technischen Fortschritt überflüssig geworden wäre. Hier gerät ein deutscher Hersteller ausgerechnet in jenem Markt in die Insolvenz, dessen Wachstum die deutsche Energiepolitik mit immer größerem Nachdruck vorantreibt.

Die entscheidende industriepolitische Frage lautet deshalb nicht, wie viele Batteriespeicher Deutschland installiert. Sie lautet, warum ein solcher Wachstumsmarkt nicht ausreicht, um einen seiner bekanntesten deutschen Hersteller wirtschaftlich zu tragen.

Während Sonnen scheitert, bauen chinesische Konzerne ihre Stellung auf dem internationalen Speichermarkt aus. Unternehmen wie BYD, Huawei und Sungrow verfügen über gewaltige Produktionskapazitäten, leistungsfähige Lieferketten und erhebliche Skaleneffekte. Sie können ihre Produkte international zu wettbewerbsfähigen Preisen anbieten. Deutsche Unternehmen müssen in diesem Wettbewerb bestehen, während der eigene Wirtschaftsstandort unter hohen Energiepreisen, steigenden Systemkosten und zahlreichen regulatorischen Belastungen leidet.

Damit offenbart sich ein industriepolitisches Paradoxon von erheblicher Tragweite. Die deutsche Energiepolitik schafft durch ihre Ausbauziele einen immer größeren Bedarf an Speichern. Doch die damit verbundenen industriellen Chancen werden zunehmend von ausländischen Unternehmen genutzt. Deutschland entwickelt sich zum Absatzmarkt für Technologien, deren Herstellung und wesentliche Wertschöpfung außerhalb des Landes stattfinden.

Was die Politik als Erfolg der Transformation feiert, kann sich für den Industriestandort deshalb als wirtschaftliche Belastung erweisen. Denn installierte Speicherkapazitäten sind zunächst einmal Investitionen, die bezahlt werden müssen. Sie sind keine Garantie für zusätzliche deutsche Wertschöpfung, rentable heimische Arbeitsplätze oder steigenden Wohlstand.

Noch grundlegender ist jedoch die Frage, welche Rolle diese Speicher im künftigen Energiesystem überhaupt übernehmen sollen. Batteriespeicher können kurzfristige Erzeugungsschwankungen ausgleichen und Strom von Stunden mit hohen Überschüssen in Stunden mit größerer Nachfrage verschieben. Sie erzeugen jedoch keine zusätzliche Energie. Ihre Speicherkapazität ist begrenzt, und die gespeicherte Elektrizität muss zuvor überhaupt erst produziert worden sein.

Für die längerfristige Überbrückung wind- und sonnenarmer Wetterperioden sind die Anforderungen ungleich größer. Genau darauf weist Sinn in seiner Kritik an der deutschen Energiewende seit Jahren hin. Die technische und wirtschaftliche Herausforderung besteht nicht allein darin, möglichst viele Windkraftanlagen und Solarmodule aufzustellen. Ein Stromsystem muss die Nachfrage zu jedem Zeitpunkt decken können, auch wenn die wetterabhängige Erzeugung über längere Zeit nur geringe Beiträge liefert.

Die zunehmende Zahl installierter Batteriespeicher ändert an diesem grundlegenden Zusammenhang nichts. Sie erleichtert den kurzfristigen Ausgleich, beseitigt aber nicht den Bedarf an gesicherter Erzeugungsleistung und längerfristigen Flexibilitätsoptionen.

Und hier beginnt der eigentliche wirtschaftliche Wahnsinn der Konstruktion, den die MVE seit Jahren kritisiert. Deutschland schafft mit politischem Nachdruck zusätzliche wetterabhängige Erzeugungskapazitäten, muss aber gleichzeitig erhebliche Mittel für die Beherrschung ihrer Schwankungen aufbringen. Netze müssen erweitert, Speicher installiert, Reservekraftwerke vorgehalten und immer komplexere Systemdienstleistungen organisiert werden. Die Kosten dieses parallelen Energieversorgungssystems tragen am Ende die Stromkunden und Steuerzahler.

Hinzu kommt, dass ein großer Teil der erforderlichen Technik importiert wird. Deutschland ersetzt damit bisherige energiepolitische Abhängigkeiten zumindest teilweise durch neue technologische und industrielle Abhängigkeiten. Wer künftig Batteriespeicher, Batteriezellen, Wechselrichter, Leistungselektronik und andere Schlüsselkomponenten produziert, gewinnt erheblichen Einfluss auf die technische Infrastruktur unserer Energieversorgung.

Das Versprechen größerer energiepolitischer Unabhängigkeit bekommt vor diesem Hintergrund einen bitteren Beigeschmack.

Besonders bemerkenswert ist die Haltung internationaler Energiekonzerne. Während die Bundesregierung weiterhin gewaltige Investitionen in den Umbau des Energiesystems fordert, ziehen sich Unternehmen wie Shell aus wirtschaftlich unzureichend rentablen Geschäftsfeldern zurück. Der Konzern hat sein Engagement bei Sonnen beendet und auch andere Aktivitäten im Bereich erneuerbarer Energien und neuer Energietechnologien reduziert.

Für einen international tätigen Energiekonzern ist die Rentabilität seiner Investitionen ein zentraler Maßstab. Für die deutsche Politik scheint dagegen häufig bereits die politische Erwünschtheit einer Technologie als hinreichende Begründung für ihre wirtschaftliche Zukunft zu gelten.

Doch die Realität lässt sich nicht dauerhaft mit Förderprogrammen, Ausbauzielen und politischen Absichtserklärungen überlisten. Ein Unternehmen muss seine Produkte zu Preisen anbieten können, die am Markt bestehen, und mit diesen Produkten seine Kosten decken. Ein Energiesystem muss zuverlässig funktionieren und für die Volkswirtschaft bezahlbar bleiben. Beides sind ökonomische Grundvoraussetzungen, keine politischen Geschmacksfragen.

Hans-Werner Sinn verlangt deshalb eine grundlegende Kurskorrektur. Seine Forderung, wesentliche Entscheidungen der vergangenen 15 Jahre zurückzunehmen und zur Kernenergie zurückzukehren, ist Ausdruck seiner Einschätzung, dass sich die deutsche Wirtschaftskrise mit zusätzlichen Staatsausgaben und einer Fortsetzung der bisherigen Strukturpolitik nicht überwinden lässt.

Die Insolvenz von Sonnen verschärft die Dringlichkeit dieser Debatte. Denn die industrielle Zukunftsfähigkeit Deutschlands lässt sich nicht daran messen, wie viele politische Ausbauziele erreicht werden. Sie entscheidet sich daran, ob Unternehmen in Deutschland dauerhaft wettbewerbsfähig wirtschaften, investieren und produzieren können.

In der deutschen Energiewende scheint dieser Zusammenhang immer weiter in den Hintergrund gerückt zu sein. Es wird über Ausbaugeschwindigkeiten diskutiert, über Speicherziele und Netzausbaupläne, über zusätzliche Förderinstrumente und immer neue regulatorische Eingriffe. Doch die Frage, ob das entstehende Gesamtsystem für eine hochindustrialisierte Volkswirtschaft langfristig wirtschaftlich tragfähig ist, wird viel zu selten zum Ausgangspunkt der politischen Entscheidungen gemacht.

Die Folgen dieser Entwicklung sind längst sichtbar. Teile der energieintensiven Industrie reduzieren ihre Produktion, Investitionen wandern ins Ausland, und in technologischen Zukunftsmärkten stehen deutsche Hersteller unter erheblichem Druck. Während die Politik Milliardenbeträge in den Umbau der Energieversorgung lenkt, verliert die heimische Industrie an Substanz.

Aus Sicht der Mittelstandsvereinigung Energie für Deutschland ist die Zeit für eine grundlegende energiepolitische Neubewertung gekommen. Eine Energiepolitik, die ihre eigenen Ausbauziele erfüllt, aber gleichzeitig die wirtschaftliche Grundlage des Industriestandorts schwächt, verfehlt einen wesentlichen Zweck staatlicher Wirtschaftspolitik.

Hans-Werner Sinn hat die strukturellen Probleme dieser Entwicklung mit bemerkenswerter Deutlichkeit beschrieben. Der Fall Sonnen veranschaulicht, wie sich wirtschaftliche Risiken sogar in jenen Branchen materialisieren können, die als Gewinner der Transformation vorgesehen waren.

Das Haus Energiewende steht deshalb vor einer entscheidenden Bewährungsprobe. Seine Architekten können weitere Stockwerke planen, die installierten Kapazitäten erhöhen und immer neue Milliardeninvestitionen verlangen. Doch damit beantworten sie nicht die Fragen nach den Gesamtkosten, der Versorgungssicherheit, der industriellen Wertschöpfung und der internationalen Wettbewerbsfähigkeit.

Mit Sonnen verliert Deutschland einen bedeutenden industriellen Hoffnungsträger der Speichertechnologie. Die nächste tragende Wand des wirtschaftspolitischen Versprechens der Energiewende ist eingebrochen.

Die entscheidende Frage ist längst nicht mehr, wie viele weitere Milliarden Deutschland in seine Energiewende investieren will. Sondern ob die politisch Verantwortlichen endlich bereit sind, deren wirtschaftliche Konstruktion grundsätzlich zu überprüfen – bevor von der industriellen Substanz des Landes noch weniger übrig bleibt.