Marine Le Pen sorgt mit ihren Vorstellungen einer stärker an nationalen Interessen ausgerichteten französischen Wirtschafts- und Energiepolitik für Diskussionen. Frankreich soll seine wirtschaftlichen Möglichkeiten konsequenter zum eigenen Vorteil nutzen, seine industrielle Basis stärken und seine nationale Handlungsfähigkeit zurückgewinnen. Aus deutscher Perspektive mag eine solche Politik unbequem erscheinen. Dabei ist an ihrem Grundgedanken zunächst nichts Verwerfliches. Im Gegenteil: Es gehört zu den vornehmsten Aufgaben einer Regierung, die Interessen des eigenen Landes und seiner Bevölkerung zu vertreten.
Bemerkenswert ist deshalb weniger, was Marine Le Pen fordert, als vielmehr die Tatsache, dass eine solche Selbstverständlichkeit in Deutschland inzwischen fast schon erklärungsbedürftig erscheint. Während Frankreich seine wirtschaftlichen Stärken sichern und ausbauen will, hat Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten eine Energiepolitik betrieben, die wesentliche Grundlagen der eigenen industriellen Wettbewerbsfähigkeit beseitigt hat. Das besonders augenfällige Beispiel ist die Kernenergie.
Am 15. April 2023 wurden mit Emsland, Isar 2 und Neckarwestheim 2 die letzten drei deutschen Kernkraftwerke endgültig abgeschaltet. Damit beendete Deutschland aus politischen Gründen die Nutzung einer Technologie, die über Jahrzehnte zuverlässig große Mengen Strom bereitgestellt hatte. Kraftwerke, deren technische Lebensdauer teilweise noch erhebliche Spielräume eröffnet hätte, wurden stillgelegt und anschließend dem Rückbau überantwortet. An ihre Stelle traten keine gleichwertigen, wetterunabhängig verfügbaren Erzeugungskapazitäten. Stattdessen setzte die deutsche Energiepolitik ihren Kurs fort, die Stromversorgung immer stärker auf Wind- und Solarenergie auszurichten.
Frankreich beschritt einen anderen Weg. Dort ist Kernenergie kein politisches Relikt, das möglichst schnell verschwinden soll, sondern ein strategischer Vermögenswert. Rund 70 Prozent des französischen Stroms stammen aus Kernkraftwerken. Die Anlagen liefern unabhängig von Tageszeit und Wetterlage große Mengen Elektrizität und verschaffen Frankreich einen erheblichen industriepolitischen Standortvorteil. Präsident Emmanuel Macron treibt mittlerweile den Bau neuer Reaktoren voran. Sechs neue EPR2-Reaktoren sind vorgesehen, weitere acht befinden sich in der längerfristigen Planung.
Das Ergebnis dieser unterschiedlichen politischen Entscheidungen lässt sich beziffern. Frankreich exportierte 2025 netto 92,3 Terawattstunden Strom und erreichte damit einen historischen Rekord. Deutschland dagegen importierte 76,2 Terawattstunden und exportierte 54,3 Terawattstunden. Unter dem Strich stand ein Nettoimport von 21,9 Terawattstunden. Der größte französische Erzeugungsvorteil liegt in einem umfangreichen Bestand regelbarer Kernkraftwerke, während Deutschland diese Kapazitäten vorsätzlich aufgegeben hat.
Der grenzüberschreitende Stromhandel ist zunächst ein wirtschaftlich sinnvoller Bestandteil des europäischen Binnenmarktes. Doch daraus darf keine bequeme Ausrede werden, mit der sich die Folgen eigener energiepolitischer Entscheidungen kaschieren lassen. Es ist ein fundamentaler Unterschied, ob ein Land gelegentlich günstigeren Strom aus dem Ausland einkauft oder ob es erhebliche Teile seiner eigenen gesicherten Erzeugungskapazität abschafft und anschließend darauf angewiesen ist, dass die Nachbarn in kritischen Stunden ausreichende Leistung bereitstellen können.
Genau an dieser Stelle beginnt das eigentliche Problem der deutschen Energiepolitik. Denn Stromimporte sind keine gesicherte Kraftwerksreserve, über die Deutschland nach Belieben verfügen kann. Der europäische Strommarkt funktioniert nach Angebot, Nachfrage, verfügbaren Leitungskapazitäten und Preisen. Wenn mehrere Länder gleichzeitig einen hohen Strombedarf haben, wenn Wind und Sonne wenig liefern oder wenn eigene Kraftwerkskapazitäten ausfallen, konkurrieren die Marktteilnehmer um dieselben verfügbaren Mengen. Dass Deutschland Elektrizität importieren kann, bedeutet noch lange nicht, dass jederzeit beliebige Strommengen zu wirtschaftlich tragbaren Preisen verfügbar sind.
In diese Entwicklung fällt die aktuelle französische Debatte über die nationale Nutzung der eigenen Energieerzeugung. Marine Le Pen vertritt eine Politik, die französische Interessen konsequenter in den Mittelpunkt stellen will. Dass daraus in der öffentlichen Diskussion auch die Frage nach dem künftigen Umfang französischer Stromexporte entsteht, ist keineswegs überraschend. Schließlich besitzt Frankreich mit seinem Kernkraftwerkspark einen wirtschaftlichen Vorteil, den andere europäische Staaten erst mit gewaltigem finanziellem Aufwand aufbauen müssten.
Noch aufschlussreicher ist allerdings, dass die wirtschaftliche Logik hinter einer stärkeren nationalen Nutzung französischen Atomstroms längst von der amtierenden französischen Regierung verfolgt wird. Präsident Macron hat im März ausdrücklich erklärt, dass Frankreich seine Kernenergie nutzen will, um neue Industrien anzusiedeln und insbesondere vom wachsenden Bedarf an Rechenleistung für künstliche Intelligenz zu profitieren.
Hier wird ein grundlegender Unterschied zwischen französischer und deutscher Industriepolitik sichtbar. Frankreich betrachtet Elektrizität nicht lediglich als Verbrauchsgut, das möglichst klimafreundlich erzeugt werden soll. Strom ist dort zugleich ein strategischer Produktionsfaktor, der industrielle Investitionen anzieht, Wertschöpfung ermöglicht und die technologische Zukunft des Landes mitbestimmt.
Wie konkret diese Strategie bereits geworden ist, zeigt die Investitionsankündigung des japanischen Technologiekonzerns SoftBank. Das Unternehmen will zunächst 45 Milliarden Euro in französische KI-Rechenzentren mit einer geplanten Leistung von 3,1 Gigawatt investieren. Insgesamt umfassen die angekündigten Vorhaben bis zu 75 Milliarden Euro und fünf Gigawatt Rechenzentrumskapazität. Es handelt sich um Zukunftsinvestitionen in einer Größenordnung, die ganze industrielle Wertschöpfungsketten entstehen lassen kann.
Solche Investitionen benötigen erhebliche Strommengen, und zwar nicht nur gelegentlich, wenn die Sonne scheint oder der Wind weht. Rechenzentren verlangen eine kontinuierliche, hochverfügbare Energieversorgung. Frankreich kann dafür auf seinen Kernkraftwerkspark zurückgreifen. Was bisher teilweise als Elektrizität in Nachbarländer verkauft wurde, kann künftig verstärkt zur Grundlage eigener industrieller Wertschöpfung werden. Das ist eine wirtschaftlich nachvollziehbare Strategie.
Für Deutschland ergibt sich daraus ein äußerst unangenehmer Zielkonflikt. Ausgerechnet die Elektrizität, auf deren Verfügbarkeit man sich nach dem eigenen Kernenergieausstieg verlassen konnte, erhält in Frankreich zunehmend eine neue wirtschaftliche Verwendung. Warum sollte Frankreich seine verfügbaren Erzeugungskapazitäten langfristig vornehmlich für die Versorgung ausländischer Wettbewerber einsetzen, wenn sich durch deren Nutzung im eigenen Land neue Unternehmen, Arbeitsplätze, Steuereinnahmen und technologische Kompetenzen schaffen lassen?
Natürlich erzielt Frankreich mit seinen Stromexporten erhebliche Einnahmen. 2025 belief sich deren Wert nach Angaben des französischen Netzbetreibers RTE auf rund 5,4 Milliarden Euro. Niemand muss deshalb davon ausgehen, dass Frankreich seine Exporte kurzfristig einstellen wird. Doch wirtschaftliche Prioritäten können sich verändern. Wenn der eigene industrielle Strombedarf wächst, werden bisherige Exportüberschüsse möglicherweise schrumpfen. Und wenn sich politische Interessen verschieben, kann sich auch der Umgang mit nationalen Erzeugungskapazitäten verändern.
Deutschland hat sich mit seinem Kernenergieausstieg in eine Lage gebracht, in der solche Entwicklungen im Ausland unmittelbare Bedeutung für die eigene Energieversorgung und Wettbewerbsfähigkeit gewinnen können. Das ist keine Folge französischer Rücksichtslosigkeit. Es ist die Konsequenz deutscher Energiepolitik.
Die politischen Verantwortlichkeiten reichen dabei über mehrere Bundesregierungen und Parteigrenzen hinweg. Der Kernenergieausstieg wurde bereits 2002 unter der rot-grünen Bundesregierung gesetzlich verankert. 2010 beschloss die Regierung Merkel zunächst eine Laufzeitverlängerung, um nach Fukushima 2011 den beschleunigten Ausstieg einzuleiten. Die Bundesregierung unter Olaf Scholz setzte schließlich mit der endgültigen Abschaltung der letzten drei Reaktoren im April 2023 den Schlusspunkt. Inzwischen ist die letzte deutsche Kernkraftwerksleistung seit mehr als drei Jahren vom Netz.
Und die wirtschaftlichen Probleme sind geblieben. Die Bundesnetzagentur dokumentierte für 2025 einen durchschnittlichen deutschen Großhandelsstrompreis von 89,32 Euro je Megawattstunde, 13,8 Prozent über dem Vorjahreswert. Gleichzeitig wurden 573 Stunden mit negativen Strompreisen registriert. Dieses Nebeneinander von zeitweiligen Stromüberschüssen und teuren Stunden verdeutlicht das zentrale Problem einer Stromversorgung mit einem wachsenden Anteil wetterabhängiger Erzeugung: Die Strommenge allein entscheidet nicht über den wirtschaftlichen Wert einer Kilowattstunde. Entscheidend ist, wann sie zur Verfügung steht.
Für einen Industriestandort, dessen Unternehmen rund um die Uhr produzieren müssen, ist das keine theoretische Frage. Stahlwerke, Chemieanlagen, Gießereien, Glasproduzenten, Papierfabriken und unzählige mittelständische Unternehmen benötigen eine sichere und kalkulierbare Energieversorgung. Sie können ihre Produktion nicht beliebig nach Wetterlage organisieren. Ihre Wettbewerbsfähigkeit hängt deshalb nicht nur vom durchschnittlichen Strompreis ab, sondern ebenso von dessen Schwankungen, von der langfristigen Verfügbarkeit gesicherter Leistung und von verlässlichen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.
Der jüngste EU-Gipfel in Brüssel hat einmal mehr gezeigt, wie sehr Europa inzwischen unter hohen Energiepreisen leidet. Die Staats- und Regierungschefs diskutierten über kurzfristige Entlastungen, staatliche Unterstützungsmaßnahmen und regulatorische Anpassungen. Gleichzeitig wurde die Bedeutung bezahlbarer Energie für den industriellen Standort ausdrücklich hervorgehoben. Doch das eigentliche deutsche Problem lässt sich mit weiteren europäischen Gipfelerklärungen nicht beheben: Ein Land, das eigene leistungsfähige Erzeugungskapazitäten stilllegt, muss die entstandene Lücke durch andere Kraftwerke, Speicher, Nachfrageflexibilität oder Importe ausgleichen. Jede dieser Möglichkeiten hat ihren Preis.
Aus Sicht der Mittelstandsvereinigung Energie für Deutschland liegt das energiepolitische Versagen darin, dass Deutschland seine energiepolitischen Entscheidungen über Jahre vornehmlich an politischen Transformationszielen ausgerichtet hat, während die Interessen des Industriestandortes, die Bezahlbarkeit der Stromversorgung und die nationale Versorgungssicherheit nicht das ihnen gebührende Gewicht erhielten. Mit dem Kernenergieausstieg wurde ein wesentlicher Bestandteil der bisherigen Stromversorgung dauerhaft beseitigt, obwohl eine gleichwertige Alternative für gesicherte, wetterunabhängige Erzeugungskapazitäten nicht bereitstand.
Frankreich führt vor, dass eine andere Prioritätensetzung möglich ist. Dort wird Kernenergie als Instrument nationaler Energieunabhängigkeit, wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit und industrieller Entwicklung betrachtet. Dass Marine Le Pen diese nationalen Interessen politisch besonders deutlich betont, ändert nichts an der grundlegenden wirtschaftlichen Logik. Ein französischer Politiker hat zuerst französische Interessen zu vertreten. Dafür wird er von französischen Bürgern gewählt.
Die eigentliche Frage richtet sich deshalb nicht an Marine Le Pen, sondern an die deutsche Politik. Warum hat Deutschland eine eigene Technologie abgeschafft, deren wirtschaftliche Vorteile Frankreich heute nutzt, um Milliardeninvestitionen anzuziehen? Warum nimmt man den Import ausländischen Atomstroms als selbstverständlichen Bestandteil des europäischen Strommarktes hin, während die Erzeugung derselben Elektrizität auf deutschem Boden politisch ausgeschlossen wurde? Und weshalb soll ausgerechnet Deutschland seine Energiepolitik weiterhin an Zielen ausrichten, deren wirtschaftliche Konsequenzen zunehmend von Unternehmen, Arbeitnehmern und Verbrauchern getragen werden müssen?
Marine Le Pen muss sich nicht dafür rechtfertigen, dass sie französische Interessen vertreten will. Emmanuel Macron ebenso wenig dafür, dass er die französische Kernenergie als Standortvorteil begreift. Beide verfolgen in diesem Punkt, bei allen sonstigen politischen Unterschieden, einen erkennbaren Grundgedanken: Die Energieversorgung ist ein strategischer Bestandteil nationaler Wirtschaftspolitik.
Es wäre an der Zeit, dass deutsche Politiker diesen Grundgedanken wiederentdecken. Nicht Frankreich muss seine Energiepolitik an deutschen Fehlentscheidungen ausrichten. Deutschland muss endlich aufhören, die Folgen seiner eigenen energiepolitischen Entscheidungen anderen Ländern zu überlassen.
Denn eines sollte selbstverständlich sein: Eine Bundesregierung ist zuerst der Versorgungssicherheit, der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit und dem Wohlstand des eigenen Landes verpflichtet. Wer diese Grundlagen schwächt und anschließend auf die Erzeugungskapazitäten seiner Nachbarn angewiesen ist, hat keinen Anspruch darauf, dass andere Staaten ihre nationalen Interessen dauerhaft den deutschen Bedürfnissen unterordnen.
Frankreich denkt an Frankreich. Es wird höchste Zeit, dass Deutschland wieder an Deutschland denkt.
