Klartext

Strompreise bleiben bis 2030 hoch – 26 Jahre Energiewende und kein Ende der teuren Energie in Sicht

Analyse

Der Energieökonom Hanns Koenig von Aurora Energy Research hat eine Prognose abgegeben, die in Berlin eigentlich sämtliche Alarmglocken schrillen lassen müsste. Erst 2029 oder 2030 erwartet er eine Rückkehr der Großhandelsstrompreise auf etwa 75 bis 80 Euro je Megawattstunde. Voraussetzung dafür ist, dass der Erdgaspreis wieder auf ungefähr 30 Euro je Megawattstunde sinkt. Gegenwärtig kostet Erdgas am europäischen Großhandelsmarkt mehr als das Dreifache. Strom zur Lieferung im kommenden Jahr wurde zuletzt für mehr als 150 Euro je Megawattstunde gehandelt.

Dass die Strompreise auf absehbare Zeit hoch bleiben, ist auch für die Bundesregierung längst keine neue Erkenntnis mehr. Bereits am 5. August erklärte Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche gegenüber der Deutschen Presse-Agentur: „Spürbare Entlastungen werden wir erst in den 2030er Jahren sehen.“ Eine bemerkenswerte Aussage aus dem Mund der Ministerin, die für die deutsche Energiepolitik verantwortlich ist. Nach 26 Jahren Energiewende erklärt die Bundesregierung den Unternehmen und Bürgern dieses Landes, dass sie noch mindestens vier weitere Jahre auf eine spürbare Entlastung bei ihren Stromkosten warten müssen. Und selbst dieser Zeitpunkt markiert lediglich eine Erwartung, keine verbindliche Perspektive auf international wettbewerbsfähige Energiepreise.

Noch aufschlussreicher ist, wie Reiche die gegenwärtige Situation selbst bewertet. In einer offiziellen Stellungnahme vom 6. August warf sie ihren Amtsvorgängern einen grundlegenden Fehler vor: Sie hätten den Ausbau erneuerbarer Energien vorangetrieben, ohne Stromnetze, Speicher, Verbrauch und gesicherte Kraftwerksleistung konsequent aufeinander abzustimmen. Die Folgen seien hohe Kosten für Redispatch, Netzausbau und langfristige Förderzusagen. Allein 2025 seien mehrere zehn Milliarden Euro staatlicher Mittel in das Stromsystem geflossen, während die deutschen Stromkosten weiterhin über denen wichtiger internationaler Wettbewerber lägen.

Man muss sich diese Erklärung auf der Zunge zergehen lassen. Die amtierende Bundeswirtschaftsministerin bestätigt damit selbst, dass die Energiewende über Jahrzehnte ohne ausreichende Berücksichtigung der wirtschaftlichen und technischen Zusammenhänge vorangetrieben wurde. Milliarden wurden investiert, Förderverpflichtungen eingegangen, Kraftwerke stillgelegt und neue Erzeugungskapazitäten errichtet. Und nun räumt die Bundesregierung ein, dass wesentliche Bestandteile des Energiesystems nicht ausreichend aufeinander abgestimmt wurden. Was in jedem privatwirtschaftlichen Unternehmen eine grundlegende Überprüfung der Verantwortlichkeiten und Investitionsentscheidungen auslösen würde, wird in Berlin als Begründung für die nächste Reform der Energiewende präsentiert.

Die Aussagen von Reiche und Koenig ergeben zusammen ein ernüchterndes Bild. Die Ministerin bestätigt die Fehler der Vergangenheit und erwartet eine spürbare Entlastung erst in den 2030er Jahren. Der Energieökonom erklärt, weshalb selbst ein nahezu vollständiger Ausbau erneuerbarer Energien die Abhängigkeit der Strompreise vom Erdgas nicht beseitigt. Damit gerät das zentrale wirtschaftliche Versprechen der Energiewende ins Wanken: dass immer mehr Wind- und Solarstrom am Ende automatisch zu einer günstigen und unabhängigen Energieversorgung führen.

Besonders bemerkenswert ist Koenigs Einschätzung, dass Gaskraftwerke selbst bei einem zukünftigen Anteil erneuerbarer Energien von 90 Prozent in mehr als der Hälfte der Stunden den Strompreis bestimmen. Seit 26 Jahren wird die deutsche Stromversorgung mit gewaltigem finanziellem Aufwand umgebaut. Konventionelle Kraftwerke werden abgeschaltet, Windparks errichtet, Solaranlagen installiert, Stromnetze erweitert und Milliarden an Fördergeldern ausgegeben. Und am Ende dieser Entwicklung bestimmt noch immer der Erdgaspreis darüber, wie teuer Strom an der Börse ist.

Wer verstehen will, weshalb diese Prognose eine energiepolitische Bankrotterklärung darstellt, muss einen Blick auf die Preisbildung am Strommarkt werfen. Dort gilt das sogenannte Merit-Order-Prinzip. Vereinfacht ausgedrückt werden zunächst die Kraftwerke eingesetzt, die Strom zu den niedrigsten kurzfristigen Kosten anbieten. Wind- und Solaranlagen stehen dabei weit vorne, weil sie keinen Brennstoff benötigen. Reicht deren Stromproduktion nicht aus, kommen weitere Kraftwerke hinzu. Das letzte zur Deckung des Bedarfs benötigte Angebot bestimmt in der Regel den Börsenpreis.

Wird dafür ein Gaskraftwerk benötigt, bestimmen dessen Kosten den Strompreis. Und zwar nicht nur für den Strom, den dieses Kraftwerk liefert, sondern grundsätzlich auch für die übrigen Strommengen, die in derselben Handelsperiode zum einheitlichen Börsenpreis abgerechnet werden. Die Sonne scheint kostenlos und der Wind weht kostenlos. Sobald ein teures Gaskraftwerk das preisbestimmende Angebot stellt, orientiert sich der Marktpreis dennoch an dessen Erzeugungskosten. Die niedrigen unmittelbaren Erzeugungskosten von Wind- und Solarstrom sorgen deshalb keineswegs automatisch für eine günstige Stromversorgung. Genau dieser entscheidende Zusammenhang kommt in der politischen Werbung für die Energiewende seit Jahrzehnten viel zu kurz.

Das eigentliche Problem liegt allerdings noch tiefer. Die Stromversorgung eines Industrielandes lässt sich nicht anhand der Strommenge beurteilen, die über ein ganzes Jahr erzeugt wird. Entscheidend ist, ob Strom in jeder einzelnen Stunde und zu wettbewerbsfähigen Kosten zur Verfügung steht. Eine Fabrik kann ihre Produktion nicht beliebig danach ausrichten, ob gerade ausreichend Wind weht oder die Sonne scheint. Chemieanlagen, Papiermaschinen, Schmelzöfen und zahlreiche andere industrielle Prozesse benötigen eine verlässliche Energieversorgung. Und zwar unabhängig von Jahreszeit, Tageszeit und Wetterlage.

Genau hier offenbart sich die grundlegende Schwäche eines Stromsystems, dessen Erzeugung zunehmend von Wind und Sonne abhängt. Deutschland vervielfacht seine installierte Leistung aus erneuerbaren Energien, ohne damit die gesichert verfügbare Leistung in wind- und sonnenarmen Stunden entsprechend zu erhöhen. Solange ausreichende Möglichkeiten zur großtechnischen und wirtschaftlichen Speicherung fehlen, müssen andere Kraftwerke diese Aufgabe übernehmen. Diese Anlagen müssen verfügbar sein, auch wenn sie wegen hoher Wind- und Solarstromproduktion über längere Zeiträume kaum eingesetzt werden. Ihre Bereitstellung verursacht Kosten, unabhängig davon, wie häufig sie tatsächlich Strom erzeugen.

Die Bundesnetzagentur bestätigt diesen Zusammenhang in ihrem Versorgungssicherheitsmonitoring. Auch für die kommenden Jahre werden zusätzliche steuerbare Kraftwerkskapazitäten benötigt. Deutschland errichtet also eine immer größere wetterabhängige Stromerzeugungsinfrastruktur und benötigt gleichzeitig weiterhin regelbare Kraftwerke, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Hinzu kommen umfangreiche Investitionen in Stromnetze, Systemdienstleistungen und Maßnahmen zur Stabilisierung des Stromsystems. All das kostet Geld. Sehr viel Geld. Wer die Wirtschaftlichkeit dieses Modells beurteilen will, muss sämtliche Kosten berücksichtigen. Die isolierte Betrachtung einer günstig erzeugten Kilowattstunde Wind- oder Solarstrom ist dafür vollkommen ungeeignet.

Wie abhängig der deutsche Strommarkt weiterhin von fossilen Brennstoffkosten ist, zeigen die jüngsten Zahlen der Bundesnetzagentur. Im dritten Quartal 2026 lag der durchschnittliche Großhandelsstrompreis bei 125,51 Euro je Megawattstunde. Gegenüber dem entsprechenden Vorjahresquartal entspricht das einem Anstieg um 51,7 Prozent. Gleichzeitig erreichte die Stromerzeugung aus Photovoltaik mit 31,5 Terawattstunden einen neuen Rekordwert. Mehr Solarstrom, aber erheblich höhere durchschnittliche Strompreise. Die Vorstellung, mit jedem zusätzlichen Windrad und jeder weiteren Solaranlage werde Strom zwangsläufig billiger, wird von der Realität eindrucksvoll widerlegt.

Besonders drastisch zeigte sich die Problematik am 14. September. In einer Viertelstunde am Abend erreichte der Börsenstrompreis 740,01 Euro je Megawattstunde. Die Sonne lieferte praktisch keinen Strom mehr, der Wind ebenfalls kaum. Teure konventionelle Kraftwerke bestimmten den Preis. Für Industrieunternehmen mit kurzfristiger oder flexibler Beschaffung sind solche Preisspitzen ein erhebliches wirtschaftliches Risiko. Für Unternehmen, die langfristige Preisstabilität benötigen, offenbaren sie die strukturellen Schwächen der deutschen Stromversorgung.

Die Politik behauptet seit Jahren, der weitere Ausbau erneuerbarer Energien werde das Problem hoher Strompreise lösen. Genau dieses Versprechen stellt die Prognose von Hanns Koenig infrage. Selbst bei einem Anteil von 90 Prozent erneuerbarer Energien bleiben Gaskraftwerke nach seiner Einschätzung in mehr als der Hälfte der Stunden preisbestimmend. Der Grund liegt in der zeitlichen Verteilung der Stromproduktion. Ein hoher Jahresanteil erneuerbarer Energien garantiert keine ausreichende Stromerzeugung zu jedem Zeitpunkt. Und solange regelbare Kraftwerke häufig das letzte benötigte Angebot stellen, bleibt der Einfluss ihrer Erzeugungskosten auf den Börsenpreis erheblich.

Damit steht die deutsche Energiepolitik vor einem fundamentalen Widerspruch. Die Energiewende sollte Deutschland unabhängiger von fossilen Energieträgern machen. Tatsächlich bleibt die Strompreisbildung auf absehbare Zeit empfindlich gegenüber Entwicklungen auf den internationalen Gasmärkten. Der gegenwärtige Konflikt im Nahen Osten führt diese Abhängigkeit besonders deutlich vor Augen. Gestörte LNG-Lieferungen und steigende Erdgaspreise schlagen unmittelbar auf die europäischen Strommärkte durch. Deutschland ist diesem Mechanismus auch nach 26 Jahren Energiewende weiterhin ausgesetzt.

Für die deutsche Industrie sind die Folgen schwerwiegend. Unternehmen müssen ihre Investitionsentscheidungen Jahre im Voraus treffen. Wer heute über den Bau einer neuen Produktionsanlage entscheidet, kalkuliert mit den Energiekosten der kommenden zehn oder zwanzig Jahre. Ein Unternehmen im internationalen Wettbewerb benötigt dauerhaft wettbewerbsfähige und kalkulierbare Energiekosten. Stattdessen erklärt ihm die zuständige Bundesministerin, dass eine spürbare Entlastung erst in den 2030er Jahren zu erwarten ist. Der Energieökonom Koenig bestätigt diese ernüchternde Perspektive mit seiner Prognose für die Großhandelsstrompreise. Und selbst die für 2029 oder 2030 erwarteten 75 bis 80 Euro je Megawattstunde beschreiben lediglich den Großhandelspreis. Netzentgelte, Steuern, Umlagen und weitere Preisbestandteile kommen für den Endverbraucher noch hinzu.

Die politische Dimension dieser Entwicklung ist gewaltig. Über Jahrzehnte wurde der Bevölkerung erklärt, dass die Energiewende zwar zunächst erhebliche Investitionen erfordere, langfristig aber eine günstige Energieversorgung ermögliche. Heute erleben wir das Gegenteil der versprochenen wirtschaftlichen Entlastung. Die Stromversorgung bleibt teuer, die notwendigen Investitionen in das Gesamtsystem steigen weiter und selbst die Bundesregierung erwartet keine kurzfristige Besserung. Die wirtschaftlichen Lasten dieser Politik tragen Unternehmen, Arbeitnehmer, Verbraucher und Steuerzahler.

Es ist geradezu grotesk, dass die energiepolitische Debatte in Deutschland weiterhin überwiegend um zusätzliche Gigawatt installierter Wind- und Solarleistung kreist. Die entscheidende wirtschaftliche Frage wird dagegen systematisch verdrängt: Was kostet die zuverlässige Versorgung mit Strom, wenn sämtliche erforderlichen Erzeugungsanlagen, Reservekapazitäten, Speicher, Netze und Systemdienstleistungen berücksichtigt werden? Nicht die billigste Kilowattstunde unter idealen Wetterbedingungen ist der Maßstab einer erfolgreichen Energiepolitik, sondern die dauerhaft verfügbare Kilowattstunde zu international wettbewerbsfähigen Gesamtkosten.

Dass nun ausgerechnet Katherina Reiche die fehlende Abstimmung zwischen Erzeugung, Netzen, Speichern und gesicherter Kraftwerksleistung kritisiert, ist ein bemerkenswertes Eingeständnis. Es bestätigt eine zentrale Kritik der MVE an der bisherigen Energiepolitik: Politische Ausbauziele wurden über die wirtschaftlichen und technischen Anforderungen einer zuverlässigen Stromversorgung gestellt. Die Folgen werden jetzt sichtbar. Und sie werden ausgerechnet von derjenigen Ministerin beschrieben, die das System künftig reformieren soll.

Die MVE bewertet diese Entwicklung als grundlegendes Versagen energiepolitischer Steuerung. Die deutsche Energiewirtschaft ist kein Selbstzweck und keine Spielwiese zur Erfüllung politischer Zielvorgaben. Ihre Aufgabe besteht darin, Unternehmen und Bürger zuverlässig und zu wirtschaftlich tragfähigen Preisen mit Energie zu versorgen. Wenn diese Aufgabe trotz jahrzehntelanger staatlicher Förderung und eines tiefgreifenden Umbaus des Stromversorgungssystems nicht zufriedenstellend erfüllt wird, ist die bisherige Strategie gescheitert. Dann braucht Deutschland keine weiteren Beschönigungen und auch keine Fortsetzung der bisherigen Politik unter einem neuen Etikett, sondern eine grundsätzliche energiepolitische Kurskorrektur.

Die Aussagen von Hanns Koenig und Katherina Reiche sind deshalb weit mehr als zwei Prognosen zur Strompreisentwicklung. Zusammengenommen beschreiben sie das wirtschaftliche Ergebnis von 26 Jahren Energiewende. Die Bundesregierung räumt grundlegende Planungsfehler ein und erwartet spürbare Preisentlastungen erst im kommenden Jahrzehnt. Ein führender Energieökonom bestätigt die anhaltende Abhängigkeit der Strompreise vom Erdgas, selbst bei einem zukünftigen Erneuerbaren-Anteil von 90 Prozent. Gleichzeitig müssen zusätzliche regelbare Kraftwerkskapazitäten geschaffen und finanziert werden, weil die wachsende Zahl von Windrädern und Solaranlagen die jederzeitige Verfügbarkeit von Strom nicht sicherstellt.

Nach 26 Jahren Energiewende ist es höchste Zeit, die politischen Erfolgsmeldungen an der wirtschaftlichen Realität zu messen. Deutschland hat enorme Summen investiert, seine Stromerzeugung grundlegend verändert und sich energiepolitische Ziele gesetzt, die weltweit zu den ambitioniertesten gehören. Dennoch wurde eine dauerhaft günstige und international wettbewerbsfähige Stromversorgung nicht erreicht. Dass die zuständige Bundeswirtschaftsministerin selbst keine spürbaren Entlastungen vor den 2030er Jahren erwartet, ist ein vernichtendes Zeugnis für die wirtschaftlichen Ergebnisse dieser Energiepolitik.

Die entscheidende Frage lautet längst nicht mehr, wie viele Windräder Deutschland noch bauen kann. Sie lautet, wie viele Milliarden Deutschland noch ausgeben will, bevor die Politik endlich bereit ist, das wirtschaftliche Scheitern ihrer Energiewende anzuerkennen.