Es gehört zu den bemerkenswertesten Eigenschaften der deutschen Energiepolitik, dass sie aus ihren wirtschaftlichen Misserfolgen mit erstaunlicher Zuverlässigkeit immer dieselbe Konsequenz zieht: mehr Geld. Funktioniert ein politisch gewünschter Markt nicht, wird er gefördert. Reichen die Förderungen nicht aus, werden sie erhöht. Bleibt die Nachfrage trotzdem aus, schafft man staatliche Kaufanreize. Und wenn selbst das nicht genügt, verpflichtet man Unternehmen über regulatorische Vorgaben dazu, die politisch erwünschten Produkte abzunehmen. Was dabei gerne als industrielle Zukunftsgestaltung gefeiert wird, erinnert zunehmend an ein staatlich organisiertes Experiment, bei dem die Steuerzahler das finanzielle Risiko tragen und die Unternehmen mit den Folgen leben müssen.
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche hat am Montag ein neues Maßnahmenpaket vorgestellt, mit dem der Wasserstoffhochlauf in Deutschland beschleunigt werden soll. Zehn Maßnahmen, mindestens 1,5 Milliarden Euro zusätzliche Förderung für industrielle Wasserstoffanwendungen, weitere Unterstützung für wasserstofffähige Kraftwerke und neue Anreize für den Absatz klimafreundlich produzierten Stahls. Es klingt nach einem entschlossenen industriepolitischen Aufbruch. Tatsächlich dokumentiert die Ankündigung vor allem, wie weit sich die politische Wunschvorstellung von der wirtschaftlichen Realität entfernt hat.
Denn ausgerechnet das Bundeswirtschaftsministerium liefert die entscheidende Begründung für die Schwierigkeiten des Wasserstoffmarktes selbst: Die Erzeugungskosten liegen weiterhin deutlich über dem, was potenzielle Abnehmer zu bezahlen bereit sind. Der Markt entwickelt sich langsamer als erwartet. Die Nachfrage bleibt hinter den Erwartungen zurück. Die Produktion ist zu teuer.
In einer Marktwirtschaft wären solche Erkenntnisse ein ernst zu nehmendes Signal, die zugrunde liegenden Investitionsannahmen und Geschäftsmodelle zu überprüfen. In der deutschen Energiepolitik werden sie zum Anlass genommen, die staatliche Finanzierung auszuweiten.
Dabei ist die Kostenproblematik längst keine überraschende Erkenntnis mehr. Die Internationale Energieagentur stellt in ihrem aktuellen Wasserstoffbericht fest, dass von den weltweit mehr als 100 Millionen Tonnen Wasserstoff, die 2025 nachgefragt wurden, lediglich rund eine Million Tonnen auf emissionsarmen Wasserstoff entfielen. Trotz erheblicher politischer Unterstützung, milliardenschwerer Förderprogramme und ambitionierter nationaler Strategien bleibt der international konkurrenzfähige Markt für klimafreundlich erzeugten Wasserstoff ausgesprochen klein. Zahlreiche angekündigte Projekte wurden verschoben, Investitionsentscheidungen vertagt oder Planungen vollständig aufgegeben.
Der Markt verweigert sich nicht aus Boshaftigkeit oder mangelndem Fortschrittswillen. Er reagiert auf Kosten.
Und diese Kosten haben es in sich. Nach den dokumentierten Annahmen der Expertenkommission zur Energiewende kostet grüner Wasserstoff in Nordwesteuropa rund 7,50 Euro je Kilogramm. Bezogen auf den Energieinhalt entspricht dies etwa 225 Euro je Megawattstunde. Selbst bei günstigeren Herstellungskosten von fünf Euro je Kilogramm liegt der Energiepreis noch bei rund 150 Euro je Megawattstunde. Transport, Speicherung und Verteilung sind dabei noch nicht berücksichtigt.
Was das für die industrielle Wettbewerbsfähigkeit bedeutet, lässt sich einfach berechnen. Ein Unternehmen mit einem jährlichen Energiebedarf von 100 Millionen Kilowattstunden würde bei einem angenommenen Erdgaspreis von 60 Euro je Megawattstunde allein für den Energieträger sechs Millionen Euro bezahlen. Beim Einsatz von Wasserstoff zu 225 Euro je Megawattstunde wären es für dieselbe Energiemenge 22,5 Millionen Euro. Eine Mehrbelastung von 16,5 Millionen Euro jährlich, noch bevor etwaige Unterschiede in der Prozesstechnik berücksichtigt werden.
Welcher Geschäftsführer soll eine solche Entscheidung unter normalen Wettbewerbsbedingungen verantworten? Welcher Einkäufer soll seinen Betrieb langfristig auf einen Energieträger verpflichten, der die eigenen Produktionskosten um ein Vielfaches erhöhen kann? Und welcher international tätige Industriekonzern soll seinen Aktionären erklären, weshalb er ausgerechnet in Deutschland investiert, wenn vergleichbare Produkte anderswo wesentlich günstiger hergestellt werden können?
Die Bundesregierung kennt diese Fragen. Ihre Antwort besteht darin, die Mehrkosten zu übernehmen.
Mit den sogenannten CO₂-Differenzverträgen sollen Unternehmen über einen Zeitraum von bis zu 15 Jahren gegen die zusätzlichen Kosten klimafreundlicher Produktionsverfahren abgesichert werden. Dafür steht in der kommenden Ausschreibungsrunde ein eigenes Wasserstoffförderfenster mit mindestens 1,5 Milliarden Euro zur Verfügung. Der Staat schafft damit einen finanziellen Ausgleich zwischen einem politisch gewünschten Produktionsverfahren und einer konventionellen Alternative, die unter den gegenwärtigen Bedingungen wirtschaftlicher ist.
Damit verändert sich allerdings der Charakter der unternehmerischen Investitionsentscheidung grundlegend. Nicht mehr allein die technische Leistungsfähigkeit, die Produktivität oder die Wettbewerbsfähigkeit bestimmen darüber, welche Technologie eingesetzt wird. Zunehmend entscheidet der Zugang zu staatlichen Förderprogrammen.
Ein Unternehmen erhält einen langfristigen Kostenausgleich, ein anderes nicht. Eine Technologie wird staatlich abgesichert, während konkurrierende Verfahren ihre Wirtschaftlichkeit ohne vergleichbare Unterstützung nachweisen müssen. Die öffentliche Hand übernimmt damit einen wachsenden Teil der Funktion, die in einer Marktwirtschaft eigentlich dem Wettbewerb zukommt.
Besonders bemerkenswert ist, dass die Politik anschließend die durch ihre eigenen Vorgaben entstandenen Mehrkosten als Begründung für weitere staatliche Eingriffe verwendet. Zunächst wird eine kostspieligere Produktionsweise zum industriepolitischen Ziel erklärt. Anschließend wird festgestellt, dass Unternehmen diese Mehrkosten nicht tragen können. Daraufhin übernimmt der Staat die Differenz. Da die entsprechend hergestellten Produkte am Markt weiterhin zu teuer sind, sollen zusätzliche Anreize für deren Absatz geschaffen werden.
So entsteht ein Wirtschaftskreislauf, dessen zentraler Antrieb nicht die Nachfrage nach einem wettbewerbsfähigen Produkt ist, sondern eine fortlaufende Folge politischer Entscheidungen und finanzieller Unterstützungsmaßnahmen.
Der sogenannte grüne Stahl ist dafür ein besonders anschauliches Beispiel. Die deutsche Stahlindustrie steht bereits unter erheblichem internationalen Wettbewerbsdruck. Hohe Strom- und Gaspreise, steigende regulatorische Kosten und gewaltige Investitionsanforderungen belasten die Unternehmen. Gleichzeitig soll die Branche auf wasserstoffbasierte Produktionsverfahren umgestellt werden, obwohl der dafür benötigte Wasserstoff weder in ausreichenden Mengen noch zu international wettbewerbsfähigen Preisen zur Verfügung steht.
Die Politik versucht also, eine Industrie mit staatlichem Geld in eine neue Produktionsstruktur zu überführen, deren Energieversorgung wirtschaftlich nicht gesichert ist. Anschließend sollen zusätzliche Maßnahmen dafür sorgen, dass die teureren Erzeugnisse überhaupt Abnehmer finden.
Das Problem wird damit nicht gelöst. Es wird lediglich an eine andere Stelle der volkswirtschaftlichen Rechnung verschoben.
Noch absurder wird die Betrachtung bei den geplanten Wasserstoffkraftwerken. Ausgerechnet in einem Land, das bereits heute unter hohen Strompreisen leidet, soll künftig in großem Umfang elektrische Energie eingesetzt werden, um Wasserstoff herzustellen, der anschließend wieder zur Stromerzeugung genutzt wird.
Die physikalische Bilanz ist ernüchternd. Bei einem angenommenen Elektrolysewirkungsgrad von 70 Prozent und einem elektrischen Kraftwerkswirkungsgrad von 55 Prozent kommen von ursprünglich 100 Kilowattstunden Strom am Ende gerade einmal 38,5 Kilowattstunden zurück. Der überwiegende Teil der ursprünglich eingesetzten elektrischen Energie steht für die spätere Stromerzeugung nicht mehr zur Verfügung.
Aus 100 Kilowattstunden werden 38,5. Anschließend erklärt man dem Steuerzahler, weshalb dieses Verfahren zusätzliche Milliarden benötigt.
Auch die Kosten des später erzeugten Stroms verdienen Aufmerksamkeit. Wird Wasserstoff zu 225 Euro je Megawattstunde eingesetzt, liegen die reinen Brennstoffkosten der Stromerzeugung bei einem Wirkungsgrad von 55 Prozent bereits bei rund 409 Euro je Megawattstunde. Kraftwerksinvestitionen, Betriebskosten, Instandhaltung und die notwendigen Versorgungsstrukturen sind darin noch nicht enthalten.
Eine solche Technologie kann für besondere Anwendungen unter bestimmten Bedingungen einen Wert als Reservekapazität besitzen. Das ist jedoch etwas grundsätzlich anderes als die Vorstellung, daraus eine wirtschaftlich tragfähige Säule der regulären industriellen Energieversorgung zu entwickeln. Genau diese Unterscheidung droht in der politischen Debatte verlorenzugehen.
Denn die Bundesregierung plant inzwischen nicht nur die Förderung der industriellen Wasserstoffnachfrage, sondern auch die Unterstützung von Gaskraftwerken, die zu einem späteren Zeitpunkt auf Wasserstoff umgestellt werden sollen. Für insgesamt vier Gigawatt Kraftwerksleistung sind entsprechende Ausschreibungen vorgesehen. Die eigentliche Umstellung soll teilweise erst in den Jahren 2040 beziehungsweise 2043 erfolgen.
Man muss sich diese Dimension vor Augen führen: Heute sollen öffentliche Verpflichtungen für eine Energieversorgung eingegangen werden, deren wirtschaftliche Bedingungen teilweise erst in rund anderthalb Jahrzehnten relevant werden. Niemand kann heute verlässlich garantieren, zu welchen Preisen Wasserstoff dann verfügbar sein wird, welche Mengen tatsächlich geliefert werden können und welche zusätzlichen Infrastrukturkosten bis dahin entstehen.
Planungssicherheit soll durch langfristige staatliche Versprechen entstehen. Nur sind staatliche Versprechen keine Energiequelle.
Hinzu kommt die geopolitische Realität. Europa erlebt gegenwärtig erneut, wie verletzlich die internationalen Energiemärkte gegenüber militärischen Konflikten, Lieferunterbrechungen und politischen Entscheidungen sind. Die Probleme bei LNG-Lieferungen aus der Golfregion und die angespannte europäische Gasspeicherlage zeigen, dass Versorgungssicherheit keineswegs eine Selbstverständlichkeit ist.
Ausgerechnet in einer solchen Situation versucht Deutschland, seine industrielle Zukunft auf einen Energieträger auszurichten, der zunächst mit erheblichem Energieaufwand hergestellt, anschließend transportiert, gegebenenfalls gespeichert und schließlich erneut umgewandelt werden muss. Gleichzeitig setzt die nationale Wasserstoffstrategie in erheblichem Umfang auf zukünftige Importe.
Die bisherige Abhängigkeit von importierten Energieträgern wird damit nicht zwangsläufig beseitigt. Es besteht vielmehr die Gefahr, dass neue Abhängigkeiten entstehen, deren technische Infrastruktur noch aufgebaut und deren wirtschaftliche Tragfähigkeit erst nachgewiesen werden muss.
Für den deutschen Mittelstand ist diese Entwicklung besonders problematisch. Große Industrieunternehmen verfügen zumindest teilweise über die personellen und finanziellen Voraussetzungen, sich an umfangreichen Förderprogrammen zu beteiligen. Mittelständische Betriebe können diesen Aufwand häufig nicht leisten. Sie tragen dennoch die wirtschaftlichen Folgen steigender Energie- und Infrastrukturkosten sowie der allgemeinen steuerlichen Finanzierung staatlicher Förderprogramme.
So entsteht eine energiepolitische Zweiklassengesellschaft. Auf der einen Seite stehen Unternehmen, deren Transformationskosten mit staatlicher Unterstützung abgesichert werden. Auf der anderen Seite stehen jene Betriebe, die ihre Energiekosten aus eigener Kraft erwirtschaften und im Wettbewerb bestehen müssen.
Dass inzwischen selbst die Deutsche Industrie- und Handelskammer davor warnt, staatlich geförderte Leitmärkte und CO₂-Differenzverträge könnten die Entwicklung eines freien Marktes behindern, sollte der Bundesregierung zu denken geben. Die zentrale Frage lautet schließlich nicht, ob sich mit ausreichend öffentlichen Mitteln einzelne Wasserstoffprojekte realisieren lassen. Selbstverständlich ist das möglich. Mit genügend Geld kann der Staat nahezu jedes technische Verfahren wirtschaftlich erscheinen lassen.
Die entscheidende Frage ist, ob dieses Verfahren auch dann noch wettbewerbsfähig wäre, wenn die öffentliche Finanzierung entfiele.
Genau darauf bleibt die deutsche Wasserstoffpolitik bislang eine überzeugende Antwort schuldig.
Die Verantwortung dafür lässt sich auch nicht einfach früheren Regierungen zuschieben. Katherina Reiche hat mit der aktuellen Ankündigung entschieden, den eingeschlagenen Weg durch zusätzliche Förderinstrumente fortzusetzen. Sie erkennt die Kostenprobleme ausdrücklich an und erklärt die weitere staatliche Unterstützung dennoch zur Lösung. Damit übernimmt sie politische Verantwortung für die Fortsetzung einer Strategie, deren wirtschaftliche Voraussetzungen weiterhin fehlen.
Aus Sicht der Mittelstandsvereinigung Energie für Deutschland zeigt sich darin ein grundlegendes ordnungspolitisches Versagen. Deutschland benötigt keine Energiepolitik, die immer neue Milliarden ausgeben muss, um ihre eigenen technologischen Vorgaben finanzierbar zu machen. Es benötigt eine Energieversorgung, die zuverlässig, bezahlbar und international wettbewerbsfähig ist. Ob eine Technologie dazu einen Beitrag leisten kann, muss sich an ihrer tatsächlichen Leistungsfähigkeit und ihren realen Kosten entscheiden – nicht an der Höhe ihrer staatlichen Förderung.
Wasserstoff kann dort wirtschaftlich sinnvoll sein, wo seine stofflichen Eigenschaften benötigt werden oder wo sich für seinen Einsatz eine tragfähige betriebswirtschaftliche Grundlage ergibt. Daraus folgt jedoch kein vernünftiger Grund, seinen großflächigen Einsatz industriepolitisch erzwingen zu wollen.
Nach Jahren ambitionierter Planungen, gewaltiger Förderzusagen und politischer Versprechungen steht Deutschland vor einem Wasserstoffmarkt, dessen mangelnde Wirtschaftlichkeit inzwischen selbst von der Bundesregierung offen eingeräumt wird. Statt daraus Konsequenzen für die energiepolitische Strategie zu ziehen, sollen weitere Milliarden den Abstand zwischen politischem Anspruch und ökonomischer Wirklichkeit überbrücken.
Ein Ministerium, das einen funktionierenden Markt schaffen will, sollte zunächst dafür sorgen, dass Unternehmen wieder wirtschaftlich produzieren können. Die deutsche Industrie braucht bezahlbare Energie, nicht immer neue Förderbescheide zur Kompensation politisch verursachter Mehrkosten.
Die Bundesregierung verwechselt inzwischen die Fähigkeit, einen Markt mit Steuergeld am Leben zu halten, mit dem Nachweis, dass dieser Markt wirtschaftlich lebensfähig ist.
Das ist kein tragfähiges energiepolitisches Geschäftsmodell. Es ist die staatliche Finanzierung eines Problems, das durch die staatliche Energiepolitik erst in dieser Größenordnung geschaffen wurde.
