Klartext

Willkommen im Irrenhaus Deutschland

Analyse

Manchmal braucht es keine komplizierten Studien und keine hundertseitigen Gutachten, um den Zustand der deutschen Energiepolitik zu beschreiben. Manchmal genügt ein Blick auf drei Nachrichten desselben Tages.

Die erste kommt vom Gasmarkt. Deutschlands Gasspeicher sind Ende August nur ungefähr zur Hälfte gefüllt und damit deutlich schlechter als vor einem Jahr. Gleichzeitig ist der europäische Gaspreis kräftig gestiegen und erreichte zeitweise rund 69 Euro je Megawattstunde. Von einer akuten Gasmangellage kann deshalb noch keine Rede sein. Von einer komfortablen Ausgangslage für Herbst und Winter allerdings ebenso wenig. Niedrige Speicherstände und hohe Großhandelspreise erhöhen das Preisrisiko für die kommenden Monate – und dieses Risiko betrifft nicht nur Gasverbraucher.

Denn Gas bleibt ein wichtiger Preisfaktor im deutschen Strommarkt. Wenn Gaskraftwerke zur Deckung der Nachfrage benötigt werden, können ihre hohen Erzeugungskosten über das Merit-Order-Prinzip den Börsenstrompreis bestimmen. Ein dauerhaft hoher Gaspreis ist deshalb auch für Unternehmen relevant, die überhaupt kein Erdgas beziehen.

Eigentlich wäre das bereits genügend Anlass, sich intensiv mit der Wettbewerbsfähigkeit des Industriestandortes Deutschland auseinanderzusetzen. Stattdessen erleben wir nahezu zeitgleich eine bemerkenswerte Debatte über den weiteren Ausbau der Erneuerbaren. Der Energieökonom Christoph Kost vom Fraunhofer ISE kritisiert Überlegungen von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche, den Ausbau stärker am tatsächlichen Strombedarf auszurichten. Seine Botschaft: Nicht Gaskraftwerke, sondern Erneuerbare senken den Strompreis.

Genau hier beginnt das Problem dieser Debatte.

Natürlich können Windkraft- und Photovoltaikanlagen aufgrund ihrer niedrigen Grenzkosten den Börsenstrompreis in bestimmten Stunden erheblich drücken. Das bestreitet niemand. Daraus abzuleiten, ein immer weiterer Ausbau der Erneuerbaren führe zwangsläufig zu einem insgesamt billigeren Stromsystem, greift jedoch viel zu kurz.

Unternehmen bezahlen schließlich keine theoretischen Stromgestehungskosten. Sie bezahlen die Kosten eines funktionierenden Gesamtsystems. Dazu gehören neben der Erzeugung Netzausbau, Netzengpassmanagement, Redispatch, Speicher, Regelenergie und gesicherte Leistung für jene Stunden, in denen Wind und Sonne den Bedarf nicht decken können. Allein das Netzengpassmanagement verursachte 2025 Kosten von rund drei Milliarden Euro.

Genau deshalb ist die entscheidende Größe für die deutsche Industrie nicht der niedrigste Börsenstrompreis an einem sonnigen Sonntagnachmittag. Entscheidend ist, was eine jederzeit verfügbare Kilowattstunde Strom einschließlich der dafür notwendigen Infrastruktur am Ende kostet.

Und während über diese Zusammenhänge weiterhin theoretisiert wird, liefert die wirtschaftliche Realität die dritte Nachricht des Tages.

Im zweiten Quartal 2026 waren in Deutschland rund 212.000 Menschen weniger erwerbstätig als ein Jahr zuvor. Besonders schwer wiegt die Entwicklung im Produzierenden Gewerbe ohne Bau: Dort gingen innerhalb eines Jahres rund 159.000 Arbeitsplätze verloren. Gleichzeitig berichten deutsche Industrieunternehmen über erhebliche Probleme ihrer internationalen Wettbewerbsfähigkeit. Besonders betroffen sind zentrale Branchen wie Automobilindustrie, Metall, Chemie und Maschinenbau.

Es wäre falsch, diese Arbeitsplatzverluste ausschließlich der Energiepolitik zuzuschreiben. Deutschlands industrielle Schwäche hat mehrere Ursachen. Ebenso falsch wäre es jedoch, die hohen Energiekosten aus dieser Standortdebatte herauszurechnen. Für energieintensive und mittelständische Unternehmen sind Strom- und Gaspreise ein wesentlicher Bestandteil ihrer Produktionskosten – und damit ein unmittelbarer Wettbewerbsfaktor.

Damit ergeben die drei Meldungen plötzlich ein gemeinsames Bild.

Deutschland geht mit vergleichsweise niedrigen Speicherständen und einem wieder drastisch gestiegenen Gaspreis Richtung Herbst. Die Industrie steht unter erheblichem Kosten- und Wettbewerbsdruck und verliert Beschäftigung. Gleichzeitig wird weiter die Vorstellung verbreitet, Deutschland müsse im Wesentlichen nur noch mehr erneuerbare Erzeugungsleistung errichten, damit Energie endlich billiger werde.

Nach mehr als zwei Jahrzehnten Energiewende sollte allerdings nicht mehr die Frage entscheidend sein, was ein politisches Modell für die Zukunft verspricht. Entscheidend muss sein, was das entstandene Energiesystem heute tatsächlich leistet und kostet.

Für den Mittelstand ist diese Rechnung ohnehin längst keine theoretische Debatte mehr. Sie steht jeden Monat auf der Strom- und Gasrechnung. Und zunehmend offenbar auch in den Beschäftigungsstatistiken.

Wenn halbleere Gasspeicher, Gaspreise von fast 70 Euro je Megawattstunde und der Verlust von rund 159.000 Arbeitsplätzen im Produzierenden Gewerbe gleichzeitig auf die Forderung nach noch mehr desselben energiepolitischen Kurses treffen, braucht es für die Beschreibung dieses Widerspruchs keine wissenschaftliche Abhandlung.

Willkommen im Irrenhaus Deutschland.